Leitartikel

„Lebendige Geschichte“

Lebendige Geschichte

Lebendige Geschichte

Nordschleswig/Sønderjylland
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„Nordschleswiger“-Redakteur Volker Heesch macht sich in seinem Leitartikel Gedanken über das historische Ereignis, den Ritt König Christian X. am 10. Juli 1920 über die zuvor aufgehobene deutsch-dänische Grenze.

Am 10. Juli 2020, 9.25 Uhr, jährte sich zum 100. Mal der historische Ritt König Christian X. über die an diesem Tag bereits rechtlich aufgehobene deutsch-dänische „Königsaugrenze“ bei Christiansfeld. Die mehrtägigen offiziellen Feiern mit Königin Margrethe zur Erinnerung an das Jahrhundertereignis, das die dänische Mehrheit im Bereich Nordschleswigs vor 100 Jahren in Fest- und Jubelstimmung versetzte, sind abgesagt worden. Unter dem Viertel der Bevölkerung, das sich am 10. Februar 1920 für einen Verbleib bei Deutschland entschieden hatte, herrschte vor 100 Jahren aber wohl eher Trauer und Sorge um die eigene Zukunft. Viele Familien saßen bereits auf gepackten Koffern, weil der Übergang ins Königsreich eine berufliche Zukunft nur südlich der neuen Grenze zuließ.

Kinder streuten am 10. Juli 1920 in Hadersleben von einer Ehrenpforte Blumen auf das königliche Paar. Foto: Institut for Sønderjysk Lokalhistorie

Ein Blick in die dänischen Zeitungen von vor 100 Jahren vermittelt einen Eindruck, wie grenzenlos froh Jung und Alt waren, die dem durch jede Menge Ehrenpforten zunächst auf dem berühmten weißen Pferd reitenden, dann im Automobil an den Menschenmassen vorbeifahrenden König zujubelten. In Hadersleben stieg er auf sein eigenes Pferd, wo er und nach einem Abwurf offenbar unter großen Schmerzen ein großes Tagesprogramm bewältigte. Weiß gekleidete Kinder warfen rote und weiße Blumen auf das Staatsoberhaupt, und „junge Mädchen überreichten der Königin und den Prinzen mit niedlichen Knicksen Blumensträuße in den nationalen Farben, wofür sie gerührt dankten“, schrieb die Zeitung „Modersmaalet“.

Doch neben den Passagen, u. a. über die Rede Bürgermeister Thorvald Møllers, in der er dem König von der Treue des Dänentums in seiner Stadt berichtete, gibt es auch einen Hinweis auf die deutsche Minderheit in Hadersleben.

„Besonders historisch war es, als der König Baumeister Jürgensen begrüßte“, heißt es im Abschnitt über die Präsentation des Stadtrates. Jürgensen hielt eine kurze Rede, heißt es, laut „Neuer Tondernscher Zeitung“ in deutscher Sprache. „Jürgensen erklärte, dass seine Fraktion und die Bürger, die hinter ihm stehen, nur wünschten, loyale und gesetzestreue Bürger in Dänemark zu sein und sich daran beteiligen wollten, eine gute Zukunft aufzubauen“, so „Modermaalet“, und weiter hieß es: „Der König sprach seinen herzlichen Dank aus und erinnerte daran, dass unter seiner Leitung allen die volklichen Freiheiten gegeben werden, die im Rahmen der Gesetze gewährt werden können. Wenn sie sich an die Gesetze hielten, werden sie immer mein Verständnis finden.“

Am 10. Juli 1920 fand der Ritt König Christian X. über die aufgehobene deutsch-dänische Grenze statt, die nach dem Krieg 1864 und der Niederlage Dänemarks gezogen worden war. Foto: Archiv Der Nordschleswiger

Heute wissen wir, dass es in den folgenden Jahrzehnten mit dem Zusammenleben zwischen Mehrheit und Minderheit zeitweise gar nicht gut funktioniert hat. Aber in den 100 Jahren seit dem „Genforeningsdag“, so die Überschrift der Zeitung „Hejmdal“ des „Architekten“ der Grenzverschiebung mit Volksabstimmung, H. P. Hanssen, am 10. Juli, herrscht glücklicherweise in deutlich mehr Jahrzehnten Verständnis, ein gutes Zusammenleben und vielfach sogar Freundschaft zwischen Deutschen und Dänen. In Nordschleswig ist die „kalte Dusche“ der weiter nicht beseitigten Grenzblockaden entlang der 1920 quer durch die historische Landschaft Schleswig gezogenen Trennungslinie aufgrund der Corona-Krise Anlass für eine aktuelle Form des Nachdenkens über Grenzziehungen, Abgrenzungen und Vereinigung über nationale Grenzen hinweg.

König Christian X., der Großvater des heutigen dänischen Staatsoberhauptes, erschien tief beeindruckt vom Jubel, mit dem er 1920 in Nordschleswig empfangen wurde. Hatte doch auch er einige Monate zuvor lernen müssen, dass sein Königreich ein demokratischer Staat geworden war. Der König hatte mit undemokratischen, nationalistischen Kreisen paktiert und versucht, sich staatsstreichartig über die demokratischen Entscheidungen der Schleswiger bei den Volksabstimmungen hinwegzusetzen, um Flensburg doch noch in sein Reich einzugrenzen.

Mit den Jubelfeiern, in deren Hintergrund allerdings auch interner dänischer Streit schwelte, wurde die Krise der Monarchie übertüncht. Viele Menschen haben sich in diesen ausgebremsten Jubiläumswochen mit den Ereignissen vor 100 Jahren im heutigen deutsch-dänischen Grenzland befasst. Deutlich wird, dass die Geschichte weiter lebendig ist – und Anlass sein sollte, die Gegenwart kritisch im Auge zu behalten und daran zu denken, dass Grenzen und Abgrenzung kein Rezept sind, um Probleme zu lösen, sondern nur gegenseitiges Verständnis, Zusammenarbeit und Freundschaft die Zukunft sichern.

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