Polizeigewerkschaft

Polizei: 58.000 Überstunden allein in Südjütland

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Esbjerg
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Immer im Einsatz: Die Polizei. Foto: Rigspolitiet (Symbolfoto)

Die Politik brüstet sich damit, wieder mehr Polizisten auszubilden. Doch es reicht vorne und hinten nicht, klagt die Polizeigewerkschaft. Schuld seien unter anderem die Grenzkontrollen, deren Sinnhaftigkeit infrage gestellt wird.

Die Polizei in Südjütland und Nordschleswig schiebt einen massiven Berg an Überstunden vor sich her. Als Gründe werden von offizieller Seite die Grenzkontrollen und der Einsatz gegen die Bandenkriminalität in Esbjerg genannt. Die Gewerkschaft kritisiert derweil die Politik: zu wenige Polizisten, falsche Priorisierung.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Ende Januar hatten die rund 900 Mitarbeiter der Polizei von Südjütland und Nordschleswig zusammen 58.155 Überstunden zugute. Das teilt das Führungssekretariat der Polizei in Esbjerg auf Anfrage des „Nordschleswigers“ in einer E-Mail mit. Das sind fast 7.900 Arbeitstage oder 30 Jahres-Vollzeitstellen.

Zu wenig Freizeit, Unsicherheit bei den Arbeitszeiten

„Es sind so viele Stunden, weil wir zu wenige Beamte sind, um die Aufgaben, die wir haben, wahrzunehmen. Das ist die Kurzfassung. Wir nehmen derzeit mehr neue Auszubildende an den Polizeischulen auf, aber das wird sich erst in einigen Jahren niederschlagen, wenn sie herauskommen und in den Polizeiwachen arbeiten“, sagt Ole Mikkel Stenshøj, stellvertretender Vorsitzender der Polizeigewerkschaft „Politiforbundet“ im Polizeikreis Südjütland und Nordschleswig.

„Wir merken die Überstunden an den Kollegen, sie können nicht die Freizeit bekommen, mit der sie eigentlich rechnen. Es geht dabei vor allem um diese Unsicherheit, zum Beispiel nicht im Vorhinein zu wissen, im kommenden Monat musst du Freitag und Montag extra arbeiten. So etwas kommt laufend, weil wir eben nicht das Personal haben. Und das steigert die Zufriedenheit beim Personal leider nicht gerade. Und das liegt natürlich ganz einfach daran, dass es nicht ausreichend Kollegen gibt“, sagt Stenshøj.

Auszahlen statt frei machen: Kritik an Überstundenabbau

Die Polizeiführung will die Überstunden abbauen, teilt sie mit, „und es werden laufend Stunden in dem Maße abgewickelt, in dem es der Dienst zulässt“. Im Dezember berichtete Danmarks Radio von „fast 60.000“ Stunden insgesamt, die es im Oktober waren. Viel hat sich also nicht getan. Und das, obwohl die Polizei ihren Mitarbeitern seit Januar 2018 anbietet, sich die Überstunden auszahlen zu lassen.

„Als Gewerkschafter halte ich das für eine schlechte Idee. Es wäre doch besser, wenn man die Freizeit zurückbekommen würde, die einem eigentlich zustand, und dass die Löcher von neuem Personal gefüllt werden“, sagt Stenshøj.

Er macht die Politik für die Entwicklung verantwortlich: „Die Politiker haben 2011 beschlossen, dass wir in Dänemark deutlich weniger Beamte werden sollten. Das hielten sie für eine geniale Idee. Wir wurden dann um die 700 weniger. Jetzt, 2018/19, nähern wir uns wieder dem Niveau von vor acht Jahren. Aber dazu muss man auch sagen, dass die Kriminalität viel kryptischer geworden ist, als sie es 2011 noch war und mehr Personal für die Aufklärung verlangt. Es ist also nicht besser geworden, selbst wenn wir dabei sind, wieder das Niveau von 2011 zu erreichen. Reell betrachtet müssten wir vielleicht fünf Prozent mehr sein, als wir es 2011 waren, schätze ich.“

Zweifel an Sinn der Grenzkontrollen

Denn neben den Entwicklungen in der Art der Kriminalität hat die Polizei von politischer Seite Zusatzaufgaben, wie die Grenzkontrollen, bekommen. „Wir haben eine ganze Menge Polizisten dafür eingesetzt. Und das ist natürlich auch eine Belastung für die Polizei“, sagt Stenshøj. „Die Frage ist, ob die Ressourcen richtig eingesetzt werden. Ich bin mir nicht sicher, dass die Polizei von Südjütland und Nordschleswig von sich aus Grenzkontrollen eingeführt hätte, wenn sie selbst entscheiden könnte“, so der Gewerkschafter.

Die Reaktion der Politik auf die von ihr selbst festgelegten neuen Anforderungen war es, die Ausbildungsdauer für Polizisten zu verkürzen und junge Leute als sogenannte Polizeikadetten auszubilden.

Für Stenshøj kein Problem: „Die, die von den Polizeischulen kommen, auch die jungen Kadetten, das sind richtig gute, fähige junge Menschen. Ich würde mir trotzdem wünschen, dass die Ausbildung drei oder dreieinhalb Jahre dauern würde, wie damals, als ich ausgebildet wurde. Man wird kein schlechterer Polizist durch eine längere Ausbildungszeit. Aber dass sie schlechter sind, weil sie eine kürzere Ausbildungszeit haben, will ich nicht behaupten. Es sind richtig fähige junge Menschen, die sehr offen sind und schnell lernen. Auch die Kadetten, die sich ja auch weiterbilden können, um Beamte zu werden.“

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