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Psychologin: „Urlaub ist wichtig für die Gesundheit“

Psychologin: „Urlaub ist wichtig für die Gesundheit“

Psychologin: „Urlaub ist wichtig für die Gesundheit“

Annika Zepke
Annika Zepke Journalistin
Hadersleben/Haderslev
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Urlaub ist wichtig für die Gesundheit, doch nicht jede Reise bringt den gewünschten Erholungseffekt. (Symbolfoto) Foto: Karin Riggelsen

Was bedeutet Urlaub für das menschliche Wohlbefinden, und was macht es mit uns, wenn wir pandemiebedingt zum zweiten Mal in Folge unser Reiseziel nicht frei wählen können? „Der Nordschleswiger“ hat mit der Haderslebener Psychologin Anneli Sejer Iversen über diese Themen und mögliche Lösungsansätze gesprochen.

In den Urlaub zu fahren bedeutet herauskommen aus dem Alltag, meint die Psychologin Anneli Sejer Iversen. „Wenn wir Urlaub machen, dann machen wir gleichzeitig Urlaub von unserer Alltagsidentität. In den Ferien erinnern wir uns daran, wer wir außerhalb der Arbeit oder des Studiums sind und vertiefen unsere Selbstwahrnehmung“, erklärt die Psychologin, die seit 21 Jahren praktiziert und 2008 mit dem „Psykologhuset Haderslev“ ihre eigene Praxis eröffnete.

In Zeiten von Corona: Urlaub ist wichtiger denn je

Urlaub zu machen und einen Kontrast zum Alltag zu bekommen sei wichtig, um einige Dinge in Perspektive zu setzen. Doch auch für die Motivation sowie die körperliche und geistige Gesundheit seien Ferien wichtig, so Sejer Iversen. Gerade in Zeiten von Corona, wo wir aufgrund fehlender Routinen und damit auch mangelnder Komfortzonen extra viele Kräfte in unserem Alltag aufbringen müssen, sei diese Form der Erholung wichtig.

Anneli Sejer Iversen arbeitet seit über 20 Jahren als Psychologin. Foto: Privat

„Es ist wichtig, dass man Entspannungsoasen in seinem Leben hat. Ferien sind genau dazu da, um diese Oasen zu schaffen. Sie helfen uns dabei, Stresshormone wie Cortisol zu senken und innerlich zur Ruhe zu kommen“, sagt Anneli Sejer Iversen. Tatsächlich hat Urlaubsentzug auf lange Sicht sogar negative Auswirkungen auf die Gesundheit, wie Studien belegen. „Wer sich länger als ein Jahr lang keine Pause gönnt, der ist anfälliger für Depressionen und Herzinfarkte“, erklärt Sejer Iversen.

Urlaub ist nicht gleich Urlaub

Doch nicht jede Reise wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit aus, gibt die Psychologin zu bedenken. „In unserer Gesellschaft sind viele sogenannte Dopamin-Junkies, die ständig auf der Jagd nach dem Glückshormon sind, das der Körper beispielsweise ausschüttet, wenn wir eine Aufgabe erfolgreich abgeschlossen oder Anerkennung – in den sozialen Medien in Form von Likes – bekommen haben“, erklärt Sejer Iversen. „Viele Leute nehmen daher ihre Arbeit mit in den Urlaub oder suchen auch in ihren Ferien nach dem großen Wow-Effekt. Dafür nehmen sie bei ihren Reisen zusätzlich Stress auf sich, indem sie mit dem Flugzeug an besonders eindrucksvolle, aufregende Orte fliegen, von denen sie sich jenen Dopamin-Ausstoß versprechen.“

Noch liegt die Praxis von Anneli Sejer Iversen in der Mariegade, doch schon bald zieht das „Psykologhuset Haderslev“ eine Querstraße weiter in die Ny Allegade 2. Foto: Privat

Nicht immer könne das im Urlaub Erlebte dem Reisestress gerecht werden oder ihn gar aufwiegen, meint die Psychologin: „Extrem viele kommen daher gestresst aus ihrem Urlaub zurück.“ Die Reiserestriktionen und geschlossenen Grenzen im Kielwasser der Corona-Pandemie könne man somit auch als Chance betrachten, die Bedeutung von Urlaub zu überdenken, findet Anneli Sejer Iversen.

Für einen erholsamen Urlaub braucht es nicht viel

„Ferien sind dazu da, um aus den Gewohnheiten des Alltags herauszukommen“, so Sejer Iversen. Für viele sei es deshalb hilfreich, im wahrsten Sinne des Wortes in den Urlaub zu fahren, doch auch zu Hause lassen sich Erholung und Entspannung finden, sagt die Psychologin: „Erst einmal ist es wichtig, seine freie Zeit nach den eigenen Wünschen zu gestalten und nicht aus einem Pflichtgefühl heraus.“

Die Natur mit ihren nichtlinearen Formen eignet sich gut, um den Geist auszugleichen, findet Psychologin Anneli Sejer Iversen. Sie bezieht die Natur daher nicht nur in ihre Freizeitgestaltung, sondern auch in ihre Arbeit ein. Foto: Privat

Auch die Augen für seine Umgebung und die kleinen Dinge im Leben zu öffnen sowie bewusster das Hier und Jetzt wahrzunehmen, könne zur Erholung trotz eingeschränkter Reisemöglichkeiten beitragen. „Besonders hier in Nordschleswig haben wir die Schönheit der Natur vor der Tür“, meint Anneli Sejer Iversen, die mit ihrem deutschen Mann und den beiden Kindern in der Domstadtkommune wohnt.

Reisebeschränkungen wecken negative Gefühle

Nichtsdestotrotz können die Reisebeschränkungen selbstverständlich auch für negative Gefühle sorgen, räumt die Psychologin ein. „Das hat vor allem etwas mit unseren Erwartungen zu tun, die großen Einfluss auf unser Wohlbefinden haben. Wenn diese enttäuscht werden, kann uns das natürlich negativ beeinflussen.“

In der Naturkunst findet Anneli Sejer Iversen Kraft und Erholung. Eine solche Beschäftigung eigne sich auch für die Ferien im eigenen Land, so die Psychologin. Foto: Privat

Häufig sei das dringende Bedürfnis, seinen Urlaub in möglichst weiter Ferne zu verbringen, mit einer gewissen Unzufriedenheit im Alltag gepaart, so Anneli Sejer Iversen: „In solchen Fällen sehnen wir uns besonders danach, herauszukommen und etwas Neues zu sehen. Die geschlossenen Grenzen können dann ein Gefühl von Eingesperrtsein, hervorrufen.“

Die Kraft der inneren Einstellung

Doch auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Beste aus der Situation zu machen, meint Sejer Iversen, die in ihrer Praxis neben psychologischer Behandlung auch Coachings anbietet: „Wir können uns zum Beispiel mit unseren Freunden oder unserer Familie zusammensetzen und eine Fantasie-Reise unternehmen, indem wir uns zusammen eine Geschichte ausdenken. Auf diese Weise schaffen wir ein gemeinsames Erlebnis-Universum.“

Auch Visualisierungen zum Beispiel mithilfe eines Youtube-Videos können bei der Sehnsucht nach fernen Ländern helfen, meint die erfahrene Psychologin: „Unser Körper kann Fantasie und Realität nicht unterscheiden.“ Wichtig sei zudem, die Situation so anzunehmen, wie sie ist. „Es ist wichtig, dass wir versuchen, die Situation zu akzeptieren. Denn wir können mit unserer inneren Einstellung unheimlich viel beeinflussen.“

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