Gewerbe

Die dänischen Pastoren kleiden sich immer made in Sonderburg

Ilse Marie Jacobsen
Ilse Marie Jacobsen Journalistin
Sonderburg/Sønderborg
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Heidi Moisen
Heidi Moisen mit einem fertigen Talar. Foto: Karin Riggelsen

Die 24 Angestellten des „Atelier 2000“ in Sonderburg produzieren Uniformen und Pastorengewänder.

An der roten Ziegelfassade steht in goldenen Buchstaben Atelier 2000 Uniforms-Skrædderi. Zwei Fenster und ein Eingang mit drei Glaspartien. Man sieht es wahrlich nicht von der Straße aus – aber an der Grundtvigs Allé 161 liegt Dänemarks größte Nähstube.

Im Atelier 2000 produzieren 21 Schneider Galauniformen für das dänische Militär, und die Firma liefert Kopfbedeckungen an Soldaten in Dänemark und Schweden sowie an die Polizei, an DSB, Told & Skat und viele mehr.

Im Atelier 2000 werden auch die schönen, weiten, schwarzen Talare der dänischen Pastoren und Pastorinnen angefertigt. Alles nach Maß und in höchster Qualität.
„Wir sind eine Nischenproduktion, und die Kunden bestellen ja oft in der letzten Minute“, erklärt Heidi Moisen, Geschäftsführerin von Atelier 2000. Sie ist schon seit über drei Jahrzehnten bei der Firma, die sie selbst mitaufgebaut hat.

In der großen Halle hängen die teilweise sehr kunstvoll mit goldenen Bändern verzierten Jacken und Uniformen an den verschiedenen Kleiderstangen. Die noch halbfertigen Spezialanfertigungen liegen vor den Mitarbeitern auf ihren Arbeitstischen. Es wird sehr konzentriert genäht, gestickt, gepresst und verpackt.

Atelier 2000
Im Atelier 2000 wird fleißig gearbeitet. Foto: Karin Riggelsen

Einzellieferant

Das Atelier 2000 ist seit 2012 der einzige Lieferant der offiziellen Gewänder der Pastoren. Die Schneider in Sonderburg stellen jedes Jahr um die 250 maßgeschneiderte Talare her. Die Lieferzeit beträgt zwei bis drei Monate. Bei Ordinationen kann aber auch schneller geliefert werden.
Es wird großer Wert auf eine gute Passform gelegt. „Es erfordert viel fachliches Wissen, damit alles passt“, stellt Heidi Moisen fest.

Sie schätzt die Arbeit mit diesen Kunden. „Die Pastoren haben eine Haltung und eine Meinung in vielerlei Hinsicht. Man kann sich über ganz viele Dinge mit ihnen unterhalten“, stellt sie lächelnd fest.
Ein Talar muss acht Jahre halten können. Der Preis für das maßgeschneiderte Teil beträgt 22.000 Kronen. Im Preis inbegriffen sind zwei weiße Halskrausen, zwei Ärmelbesätze und eine Silber-nadel für die Halskrause.

52 kleine Falten auf dem Rücken des Talars werden mit der Hand gestickt. Drei Stunden verschlingt ein dekorativer Smok-Einsatz. Foto: Karin Riggelsen

Heidi Moisen bleibt an einem Tisch stehen und hebt ein schwarzes Stück Wollstoff, in dem eine Nähnadel steckt, hoch. Auf dem oberen Teil eines Talar-Rückens sitzt ein Smok-Einsatz. Dieser dekorative Rüschen-Effekt wird nicht maschinell hergestellt. Beim Besuch des „Nordschleswigers“ macht die Schneiderin Talia Benattia mit Handstichen 52 kleine Lagen in den Stoff.

Sie gehört seit 24 Jahren fest zum Atelier-2000-Team. „Die Arbeit mit den Uniformen ist schon völlig anders. Ich mache aber auch einige Veränderungen für die Läden in Sonderburg“, so Talia Benattia. In der großen Produktionshalle sorgt ein Radio für Musik und Unterhaltung. Geredet wird aber fast nicht. Alle konzentrieren sich ganz auf ihre jeweilige Aufgabe.

Candra Case
Lehrling Candra Case Foto: Karin Riggelsen

Aus anderen Ländern

Abdullah Ahmadi kam vor anderthalb Jahren zum Atelier 2000. Er stammt aus Afghanistan und ist ausgebildeter Schneider. Er wohnt in Hörup. „Ich habe mich damals einfach hier beworben“, erklärt er und lächelt glücklich, während er ein Pastorengewand mit Knöpfen ausstattet.

Der 19-jährige Lehrling Candra Case kommt aus Flensburg. „Es ist heute schwer, einen Lehrplatz zu finden“, stellt sie fest. Aber sie hatte Glück und ihr passt Sonderburg sehr gut – ihr Freund kommt aus Sonderburg. Ihre Lehrzeit beträgt drei Jahre und vier Monate. Sie hat bald zwei Jahre hinter sich.

Abdullah Ahmadi
Abdullah Ahmadi näht Knöpfe in den Talar. Foto: Karin Riggelsen

Nach Vorschrift

Neue Kreationen gibt es heute im Atelier 2000 keine. Das Aussehen der Uniformen ist bis ins kleinste Detail vorgeschrieben.

„Unsere Kunden wollen das, was sie gewohnt sind“, meint Heidi Moisen. Die Stoffe werden größtenteils aus England importiert, denn von dort kann das Atelier 2000 auch kleine Mengen von bestimmten Textilien beziehen. Was nach dem Brexit geschieht, weiß Heidi Moisen noch nicht. Vielleicht kommen dann noch Steuern hinzu, meint sie.

Flexibel Um preismäßig mithalten zu können, werden Teile einiger Uniformen sowie sämtliche Kopfbedeckungen in Litauen genäht. Die Produktion in Dänemark soll bewahrt werden. Dafür muss das Atelier 2000 aber auch sehr flexibel sein.

„Wir können selbst kleine Aufträge annehmen“, meint Heidi Moisen. Sie konnte übrigens vor zwei Jahren ihr 100-jähriges Jubiläum feiern – ihr 30-jähriges Jubiläum im Atelier 2000, ihren 50. Geburtstag und 20 Jahre als eigenständige Unternehmerin.

Anne Lene Iversen
Anne Lene Iversen näht an einer Gardehusaruniform Foto: Karin Riggelsen

Das Atelier 2000 wurde einst von der Sonderburger Textillehrerin Else Duus gegründet. In den 80er-Jahren mussten viele dänische Nähstuben schließen, weil die Produktion nach Polen und Portugal verlagert wurde. Durch ihre Anstellung an der Handwerkerschule hatte Else Duus unter anderem auch Kontakt zu Danmarks Radio und dem königlichen Theater. Der erste große Auftrag vom Atelier 2000 wurden die 80 Kostüme für Carl Nielsens Oper „Saul & David“ für Det Kongelige Teater.

Seit vielen Jahren konzentriert sich das Atelier 2000 aber auf Uniformen und Pastorengewänder.

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