Adieu

Stets aus erster Hand recherchiert

Stets aus erster Hand recherchiert

Stets aus erster Hand recherchiert

Sonderburg/Sønderborg
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Ruth Nielsen ist eine begeisterte Journalistin, die verspricht, auch nach ihrem Rückzug als Lokalredakteurin des Nordschleswigers in Sonderburg aktiv zu bleiben. Foto: Volker Heesch

Nordschleswiger-Redakteurin Ruth Nielsen zieht sich nach 30 Jahren engagiertem journalistischen Einsatz aus der Redaktion des „Nordschleswigers“ zurück. Kollege Volker Heesch hat zum Abschied mit ihr gesprochen.

„Mein Anspruch ist es immer gewesen, die große Vielfalt in unserer Kommune zu vermitteln“, sagt Ruth Nielsen bei einem Gespräch in der Lokalredaktion Sonderburg des „Nordschleswigers“ an der Perlstraße im Herzen der Alsenstadt. Es ist kaum vorstellbar, dass sie nach 30 Jahren Tätigkeit für den „Nordschleswiger“ ihren Schreibtisch räumt. Ist sie doch in den vergangenen Jahrzehnten unter den Journalisten am Alsensund eine Institution geworden.

Bekannt ist sie durch ihre große Einsatzbereitschaft, nicht nur Pressetermine wie die Pressekonferenzen oder Stadtratssitzungen wahrzunehmen, sondern zur Vorbereitung ihrer Artikel z. B. in die äußersten Winkel Alsens oder die Dörfer aus dem Sundewitt zu fahren, um von einfachen Bürgern oder „größeren Tieren“ Informationen einzuholen.
„Was ich schreibe, muss stimmen“, beschreibt sie ihre Arbeitsprinzipien. Und sie lässt auch ihre Kritik an neuen Trends im Journalismus durchblicken, wenn sie hinzufügt: „Ich finde meine Themen nicht auf Facebook.“

Und sie räumt ein, dass sie erst Anfang des Jahres ihr erstes Smartphone bekommen hat und ihre Zeit nicht mit Agieren in sozialen Medien verbringt. „Ich bin da sehr konservativ“, gesteht sie und unterstreicht, dass sie mit einiger Sorge die Digitalisierung der Welt betrachtet. „Nicht, weil ich kein Technofreak bin“, unterstreicht sie, sondern auch durch Erfahrungen, wie sie sie beispielsweise bei einer Chinareise machen musste. Sie fürchtet, dass auch hierzulande Überwachung und Bevormundung der Menschen durch Digitalisierung Vorschub geleistet wird.

Geschichten aus erster Hand

„Unsere ganze Branche hat sich gewandelt“, so Ruth Nielsen zu Umbrüchen in den Medien vor allem während der vergangenen fünf Jahre. „Für mich ist es immer wichtig, die Geschichten aus erster Hand zu recherchieren“, berichtet Ruth Nielsen und nennt eine der ihrer Ansicht nach, interessantesten Seiten in ihrem Berufsleben als Journalistin: „Am schönsten ist der direkte Kontakt zu so vielen verschiedenen Menschen. Alle haben Interessantes zu erzählen. Bekannte Personen ebenso wie in der Öffentlichkeit unbekannte Menschen.“

Ruth Nielsen räumt auch ein, dass sie zur Sonderburger Lokalpatriotin geworden ist und sich über positive Entwicklungen ihrer Kommune freut. Und sie verspricht: „Auch als Journalistin im Ruhestand werde ich die Kommunalpolitik genau im Auge behalten.“

Durch Zufall nach Nordschleswig

Ruth Nielsen ist eher zufällig nach Sonderburg und Nordschleswig gekommen. „Ich hatte meinen späteren Ehemann in Israel in einem Kibbuz kennen gelernt“, erzählt sie. Die an der Pädagogischen Hochschule Vechta und an der Universität Oldenburg ausgebildete Lehrerin für Deutsch und Geschichte sowie Lehrerin im Bereich Deutsch als Fremdsprache mit Türkisch als Zweitsprache ist im September 1983 nach Sonderburg gekommen.

Während ihrer Tätigkeit als Lehrerin an den deutschen Schulen in Sonderburg, Apenrade, Uk, Lunden und Gravenstein lernte sie die deutsche Minderheit in Nordschleswig näher kennen. Sie bekam die Söhne Jesper und Mark in den Jahren 1985 und 1987. Durch deren Betreuung im deutschen Kindergarten und Besuch deutscher Schulen wurde die Verbindung zur Minderheit noch intensiver.

Besonders geprägt hat sie die Mitarbeit in der Schleswigschen Partei (SP). „Für mich war seinerzeit das Engagement des SP-Amtsratsmitglieds Hans Christian Jepsen ein Vorbild“, erinnert sie sich und unterstreicht, dass sie über ihre Vertretung im SP-Sozial- und Gesundheitsausschuss ebenso ein wichtiges Fundament für ihre spätere Tätigkeit als Journalistin bekommen hat wie durch die Tätigkeit im Schuldienst.

Großes Engagement

Ruth Nielsen, die mit zu dem Kreis von SP-Politikern zählte, der in Sonderburg über Jahre durch beharrlichen Einsatz der Schleswigschen Partei zum Wiedereinzug ins Kommunalparlament verholfen hatte, engagierte sich auch in vielen anderen Bereichen ehrenamtlich. So in der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und für das Frauenhaus in Sonderburg.

Geprägt hat sie auch ihre Herkunft aus der Region Südoldenburg. „Eine sehr schwarze Region, sehr katholisch“, berichtet Ruth Nielsen und erklärt, dass ihr Vater als Sozialdemokrat nicht der dort herrschenden Ausrichtung entsprach.
Für eine Tätigkeit beim „Nordschleswiger“ hat Ruth Nielsen vor 30 Jahren der frühere Chefredakteur des Nordschleswigers, Siegfried Matlok, gewonnen.

Ruth Nielsen erzählt, dass sie während ihrer jahrzehntelangen Arbeit für den „Nordschleswiger“ immer dazugelernt habe. Sie hat auch Reisen unternommen. Nach Burkina Faso in Afrika oder Nepal. Nach China ist sie in diesem Jahr gereist, um ihren älteren Sohn Jesper und die Schwiegertochter – und vor allem auch ihr erstes Enkelkind Theo in Peking zu besuchen. Der Sohn ist nach seinem Studium in den diplomatischen Dienst gegangen. Ihr jüngerer Sohn Mark hat zunächst eine Ausbildung zum Physiotherapeuten absolviert und studiert jetzt in Kopenhagen Medizin. Beide Söhne kommen gerne nach Sonderburg. Mit ihnen hat Ruth Nielsen auch Radtouren durch Dänemark unternommen. Wichtig ist für sie auch gewesen, nie den Kontakt nach Deutschland abreißen zu lassen. Sie ist regelmäßig in Oldenburg, Bremen und Berlin. Bei Freunden und Familienangehörigen.

Es hat immer einen Kulturunterschied gegeben“

„Es hat immer einen Kulturunterschied zwischen Deutschland und Dänemark gegeben“, ist eine ihrer Erfahrungen. Sie war sehr angetan von den lockeren Umgangsformen in Dänemark. „Toleranz habe ich mit Dänemark verknüpft, die ist weg“, unterstreicht sie, um dann aber auch auf ihre Beobachtungen von einer Veränderung Dänemarks in den vergangenen Jahren zu berichten: „In Dänemark ist die Welt kleiner geworden. Die Globalisierierung scheint den Menschen Angst zu machen.“ Und sie schaut mit Sorge darauf, dass „die öffentliche Sprache einen Niedergang erlebt. Abfälligkeit und Respektlosigkeit breiten sich aus.“ Politischer Rechtsruck, die Ausländerpolitik und zunehmende Überwachung gehörten zu den Ergebnissen des Änderungsprozesses.

Ruth Nielsen freut sich darauf, künftig mehr Zeit für Freizeitaktivitäten zu haben. Dabei hat sie sich als Lokalredakteurin die Zeit genommen, jeden Tag eine Stunde mit dem Rad unterwegs zu sein. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sie sich vorgenommen hat, als Ehrenamtliche im kommenden Jahr das deutsch-dänische Projekt Fahrradfähre über die Flensburger Förde zu unterstützen.

Am Donnerstag um 14 Uhr findet ein Empfang zur Verabschiedung von Ruth Nielsen in Sonderburg, Torvehallen, statt.

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