Dienstjubiläum

Haudegen des Handwerks auf dem Rückzug

Haudegen des Handwerks auf dem Rückzug

Haudegen des Handwerks auf dem Rückzug

Tingleff/Tinglev
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Seit 30 Jahren ein eingespieltes Team: Søren Matzen und Verner Christensen Foto: Karin Riggelsen

Søren Matzen aus Tingleff führt mit 75 Jahren immer noch einen Glaser- und Tischlerbetrieb. Verner Christensen ist seit 30 Jahren dort beschäftigt. Die beiden Urgesteine wollen nun bald den Hammer fallen lassen.

„Es gibt Torte und Kaffee. Mehr Aufhebens will Verner nicht. Aber er liebt Torte“, erwähnt Tingleffs Glasermeister-Urgestein Søren Matzen.

Er kennt seinen treuen Angestellten Verner Christensen aus Bjolderup in- und auswendig und weiß, dass sein langjähriger Mitarbeiter zum Dienstjubiläum nicht viel Trubel möchte. 30 Jahre ist der 67-Jährige bei Søren Matzen beschäftigt.

„Ich kannte Søren von meiner Arbeit bei einer Firma in Behrendorf. Als der Inhaber in Rente ging und der Betrieb schloss, habe ich bei Søren weitergemacht“, erzählt Verner Christensen von den Anfängen an seiner neuen Arbeitsstelle, die bis heute dieselbe geblieben ist.

Verner Christensen Foto: Karin Riggelsen

Es sollte eine Zusammenarbeit werden, die von einem Chef-Angestellten-Verhältnis weit entfernt ist. „Wir verstehen uns blind. Ich bin der Glaser, und Verner ist der Tischler. Mal arbeite ich ihm zu, mal er mir, mal machen wir alles zusammen und mal arbeitet jeder für sich“, so Søren Matzen.

Er spricht von einem partnerschaftlichen Arbeitsverhältnis. „Verner ist die Zuverlässigkeit in Person und passt sich selbst“, so das Lob des einen Haudegen an den anderen. Verner Christensens Frau Anke nennt die beiden Urgesteine scherzhaft gern mal „die Methusalems des örtlichen Handwerks“.

Auf der Arbeit geht es Hand in Hand bei Verner Christensen (l.) und Søren Matzen. Foto: Karin Riggelsen

Beide können in der Tat auf ein langes Berufsleben zurückblicken. Verner Christensen begann in jungen Jahren in Bollersleben eine Ausbildung zum Möbeltischler. Fast 50 Jahre ist das her.

„Das reicht dann auch. Ich habe mir vorgenommen, im kommenden Jahr aufzuhören“, so der Bjolderuper.

Befürchtungen, dass er im Ruhestand Langeweile bekommt, habe er nicht, so der 67-Jährige mit einem Schmunzeln. Er hat seine Werkstatt „und am Haus und ringsherum gibt es genug zu tun“, so Christensen.

Søren Matzen, dessen Vater in den 60er Jahren einen Tischlerbetrieb in der Hauptstraße führte, machte sich 1973 selbständig. Sein Schwerpunkt lag seither auf dem Reparieren und Erneuern von Glasfenstern jeglicher Art. Matzen ist mittlerweile 75 (!) und auch er werde ebenfalls bald den Ruhestand einläuten und den Betrieb abwickeln, wie er sagt.

Wenn Søren Matzen in seiner humorigen Art erst einmal loslegt und von seinem langen Berufsleben und der gemeinsamen Zeit mit Kollege Verner erzählt, dann kommt da einiges zusammen. Immer wieder wird dabei der Einsatzort Sylt genannt. Dort ist Søren Matzen seit rund 40 Jahren im Einsatz. Oft ist es Verner, der dort Tischler- und Fensterarbeiten erledigt. Auf Sylt lernte Verner vor rund 30 Jahren auch seine Frau Anke kennen.

Das Foto zeigt Søren Matzen (l.) und Verner Christensen in der privaten Werkstatt von Verner Christensen. Foto: Karin Riggelsen

„Wir haben über Jahre ein Vertrauensverhältnis zu Kunden aufgebaut. Sie schätzen unsere Arbeit und unsere Art und wissen, dass sie sich auf uns verlassen können“, erzählt Søren Matzen.

Mentalitätsunterschied

Dass auf Sylt gut betuchte Menschen leben und dort eine reservierte deutsche Mentalität vorherrscht, „hat uns nie sonderlich interessiert, und wir machen da auch keinen Unterschied. Wenn Verner drüben ist, dann duzt er und spricht mit jedem, als wenn es Frau Jensen von nebenan ist“, so Søren Matzen mit einem Lachen.

Wir haben über Jahre ein Vertrauensverhältnis zu Kunden aufgebaut. Sie schätzen unsere Arbeit und unsere Art und wissen, dass sie sich auf uns verlassen können.

Søren Matzen, Glaser

Die beiden Ur-Nordschleswiger sind wie sie sind, und das wird nicht nur akzeptiert, sondern offenbar auch wertgeschätzt.

„Wenn Verner einen Auftrag in einem Haus oder einem Wohnkomplex zu erledigen hat, dann werden ihm die Schlüssel ausgehändigt. Er darf seine Arbeit dann machen, ohne dass jemand ihn begleitet oder im Haus ist. Das ist bei anderen in der Regel undenkbar“, beschreibt Søren Matzen die Sonderstellung seines Betriebes und seines treuen Mitarbeiters.

Zuverlässig arbeiten, einen guten Service bieten und zuvorkommend auftreten, das sind die Tugenden, denen die beiden Haudegen treu geblieben sind. Dänische Besonderheiten sorgen dabei oft für Pluspunkte.

Schuhe aus

„Wenn wir ein Haus betreten, um mit den Eigentümern über einen Arbeitsauftrag zu sprechen, dann ziehen wir immer die Schuhe aus. Das kennen wir nicht anders. Die Leute auf Sylt sind dann immer ganz perplex, weil sie es nicht kennen. Für uns ist es selbstverständlich, keinen Schmutz hineinzubringen, und wir sind auch immer bemüht, unsere Baustelle so sauber wie möglich zu hinterlassen“, so der Glasexperte.

Er und Verner können dabei auch mal Fünfe gerade sein lassen und „nicht auf die Uhr schauen und jede Sekunde in Rechnung stellen, wie es in der heutigen Zeit ja gang und gäbe ist“, so Søren Matzen.

Als Handwerker des alten Schlags bezeichnet er sich und seinen Kollegen. Ein Handy nutzen beide selten oder gar nicht.

„Wenn Verner auf der Arbeitsstelle gefragt wird, wo er sein Mobiltelefon hat, dann antwortet er oft 'im Mobil’, also im Auto“, erzählt Matzen lachend.

Das Tingleffer Firmen-Festnetztelefon ist quasi Søren Matzens Privattelefon. „Wenn am Wochenende jemand wegen eines Schadens anruft, dann bin ich oft noch am gleichen Tag los. Das gehört für mich dazu, wenn man einen kleinen Betrieb hat“, so Matzen.

Verner Christensen ist da ein geregelter Feierabend schon wichtiger. Das sei auch der Grund gewesen, warum er nie eine Teilhaberschaft in Erwägung gezogen hat, sondern Angestellter blieb. „Das passt besser zu mir, und ich bin damit gut gefahren“, so der Bjolderuper, der bald ständig Feierabend hat, wenn der Ruhestand eingeleitet ist.

Søren Matzen und Verner Christensen sind eine gefühlte Ewigkeit als Handwerker tätig. So allmählich peilen sie den Ruhestand an. Foto: Karin Riggelsen
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