Natur

Neues Wissen zum Verschwinden Europäischer Auster im Watt

Neues Wissen zum Verschwinden der Europäischen Auster

Neues Wissen zum Verschwinden Europäischer Auster

Hoyer/Højer
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Die Schalen der Europäischen Auster (links) findet man im Wattenmeer noch immer. Sie werden aber zunehmend von den Schalen der viel größeren Pazifischen Auster überlagert, die sich im Watt immer mehr verbreitet. Foto: Volker Heesch

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Wissenschaftler der Universität Kiel gehen anhand von DNA-Proben von genetisch spezialisierten Muscheln im Wattenmeer aus, die nach Klimaveränderungen, Überfischung und durch Krankheitserreger mit den einst wertvollen Austernbänken zwischen Hoyer und Sylt verschwanden.

Die Austernbänke im Wattenmeer zwischen Hoyer und Sylt lieferten jahrhundertelang die vor allem in vornehmen Kreisen und an Fürstenhöfen begehrten Austern. Der Austernschuppen am Kulturzentrum Kiers Hof erinnert noch an die Zeiten, als Austern von Hoyer aus über Flensburg bis an den Hof der russischen Zarin Katharina der Großen in Sankt Petersburg geliefert wurden. Der dänische König bestimmte als Landesherr, wer die Leckerbissen fischen durfte. Aber in den 1930er Jahren verschwanden die Austern, es handelte sich um die Art Europäische Auster (Ostrea edulis) aus dem gesamten Wattenmeer. In den Jahrzehnten zuvor, seit 1868, hatte unter anderem der berühmte Zoologe an der Kieler Universität, Karl Möbius, in List/Sylt die dortige Tierwelt und die Biologie der Auster erforscht.

Eine Abbildung aus dem Werk Adalbert Heinrich von Baudissins, Schleswig-Holstein Meerumschlungen: Kriegs- und Friedensbilder aus dem Jahre 1864 zeigt Fischer beim Austernfang im Wattenmeer zwischen Hoyer und List/Sylt. Foto: Sammlung Volker Heesch

Doch trotz wissenschaftlichen Einsatzes konnte ein Verschwinden der Tierart nicht verhindert werden. Es hieß lange, der Eiswinter 1928/1929 und Überfischung hätten dem schwindenden Austernvorkommen den Rest gegeben, an deren Anwesenheit bis heute viele Schalen erinnern. Die seit rund 20 Jahren sich im Watt ausbreitenden Austern sind Importe aus dem Pazifik, Pazifische Austern (Magallana gigas), die nach Einfuhr in Austernzuchten verwildert sind.

Genetische Untersuchungen

An der Universität Kiel haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Klinische Molekularbiologie (IKMB) des Themas Europäische Auster angenommen. Sie haben die DNA von Austernschalen aus dem heimischen Watt, vor allem Schalen aus der Sammlung von Karl Möbius, analysiert und mit den Erbinformationen von Austern in anderen Gegenden Europas verglichen. Das berichtet der Informationsdienst der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Es zeigte sich, dass sich die DNA der Austern aus dem Watt zwischen Hoyer und List von der Europäischer Auster in anderen Gegenden unterscheidet.

Austernschalen des Kieler Museums analysiert

„Dank der richtigen Lagerung, des umfangreichen Materials und der Erfahrung des IKMB, mit dem wir bei der Genanalyse zusammengearbeitet haben, konnten wir damit den Verwandtschaftsverhältnissen der Europäischen Auster auf die Spur kommen“, erklärt Meeresbiologin Sarah Hayer, Erstautorin der Studie und Doktorandin beim Leiter des Zoologischen Museums Kiel, Dr. Dirk Brandis. Es zeigte sich, dass die im Wattenmeer heimischen Austern sich genetisch deutlich von denen an anderen Küsten unterschieden.

Auster ans Wattenmeer angepasst

Vermutlich hatte sich die Europäische Auster im Laufe der Zeit an die extremen Lebensbedingungen im Wattenmeer mit stark schwankenden Wasserständen, Temperaturen und Salzgehalten angepasst. Die Populationsgenetikerin Dr. Christine Ewers-Saucedo vom Zoologischen Museum Kiel, sie hat die Studie zum Verschwinden der Wattenmeerauster geleitet, geht davon aus, dass die Spezialisierung der Europäischen Auster im Wattenmeer zum Verhängnis geworden ist. Auf klimatische Veränderungen und neue Krankheitserreger konnte sie nicht mehr flexibel reagieren und starb im Wattenmeer, befördert durch die starke Überfischung, in den 1930er Jahren schließlich aus, so die Kieler Wissenschaftler.

Ansiedelung „fremder“ Austern problematisch

„Dafür spricht auch, dass dort spätere Ansiedelungsversuche aus anderen Gebieten Europas nicht erfolgreich waren – diese Austern hatten nicht die passenden genetischen Voraussetzungen“, so Ewers-Saucedo. Angesichts eines vom Deutschen Bundesamt für Naturschutz geförderten Projektes zur Wiederansiedlung der Europäischen Auster empfehlen die Kieler Fachleute, dass genetische Faktoren berücksichtigt werden, sonst könnten – wie bereits im vergangenen Jahrhundert – Wiederansiedelungen scheitern.

Austernbänke würde man gerne wieder im Wattenmeer ansiedeln, weil Austernbänke einen wertvollen Lebensraum bilden, Sedimente binden und Strömungen bremsen. Die Forschungen wurden unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vom Bundeswissenschaftsministerium gefördert.

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