Heimatkunde

Eiderstedt – kulturelle Schatzkammer

Eiderstedt – kulturelle Schatzkammer

Eiderstedt – kulturelle Schatzkammer

Sankelmark
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 Jahrestagung der HAG
Bei der Jahrestagung der HAG in der Akademie Sankelmark wurde eifrig diskutiert und nachgefragt. Foto: Volker Heesch

Jahrestagung der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig war der Halbinsel an der Westküste und „Toleranzstadt“ Friedrichstadt gewidmet

40 erwartungsvolle Mitglieder und Gäste hat der Vorsitzende der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG), Lorenz P. Wree, am vergangenen Sonnabend in der Akademie Sankelmark zur Jahrestagung mit dem Schwerpunktthema Eiderstedt begrüßt. Einbezogen wurde in die Reihe von Vorträgen über die im Südwesten des einstigen Herzogtums Schleswig liegende Halbinsel ein Referat über die angrenzende Stadt Friedrichstadt.

Die Marschen lieferten früher 50-fach
höhere Erträge als Geestflächen.

Albert Panten, Oberstudienrat a. D., Niebüll

Als erster Referent stellte der Niebüller Leiter des Kirchbuchamtes Nordfriesland und Autor unzähliger Texte zur Geschichte der Westküstenregion, Albert Panten, die bereits in der römischen Kaiserzeit (1. bis 5. Jahrhundert) begonnene Besiedlung der von Marschen, Uferwällen der ungebändigten Eider und Dünen geprägten Landschaft vor, aus der erste schriftliche Zeugnisse aus dem späten Mittelalter vorliegen.

Er zitierte aus einem Text, der ausgerechnet von der Tötung einer jungen Frau durch den eigenen Vater handelte, die „ihre Ehre verspielt“ hatte und mit einem Mühlstein um den Hals ertränkt wurde. „Da kriegen wir mal einen Eindruck von der guten alten Zeit“, so Panten augenzwinkernd und berichtete über Fehderechte und andere Eigenheiten der Bewohner Eiderstedts, von denen ein Teil im frühen Mittelalter Richtung britische Insel abwanderte, während anschließend auf wirtschaftliche Nutzung der von hohen Wasserständen und Sturmfluten geprägten Marsch spezialisierte Friesen hinzukamen.

Er berichtete, dass Eiderstedt, wo den Bewohnern lange Sonderrechte gewährt wurden, schon früh das Interesse von Adel und Landesherrn weckte, denn der fruchtbare Boden war Basis des Reichtums der Landschaft. „Die Marschen lieferten früher 50-fach höhere Erträge als Geestflächen“, so Panten. Unter Einfluss niederländischer Zuwanderer entwickelte sich ein bedeutender Export von Vieh und Käse.

Eiderstedt Karte
Die Entstehungs- und Eindeichungsgeschichte der einst reichen Landschaft wurde dargestellt. Foto: Volker Heesch

Bis zum Jahre 1300 standen
alle 18 Kirchen auf Eiderstedt.

Hans-Walter Wulf, Propst i. R., früher Garding

Propst i. R. Hans-Walter Wulf stellte in seinem Vortrag „Kirchen auf Eiderstedt“ das Gebiet als „hochkulturelles Gebiet in den Marschen“ vor. Die Christianisierung Eiderstedts liege im Dunkeln, auf die Existenz einer hölzernen Kapelle in Garding weise eine Schrift von 1109 hin. Mit der Einführung der Backsteine setzte ein intensiver Bau von Kirchen ein.

„Bis zum Jahre 1300 standen alle 18 Kirchen auf Eiderstedt“, so Wulf, der über Fernbeziehungen Eiderstedts nach Franken berichtete. Westliche Einflüsse spiegelten sich in der Christianisierung wider. Der Kirchenname „St. Christian“ in Garding weise auf eine Verbindung nach Flandern hin.

Die Vielfalt und große Zahl der Kirchen erklärt sich aus den ungünstigen Wegeverhältnissen in den Eiderstedter Marschen, die einst von Wasserläufen durchzogen waren. Wulf berichtete über die älteste Kirchturmglocke Schleswig-Holsteins in der Tatinger Kirche und stellte neben hochinteressanten Orgeln und Altären auch das älteste Uhrwerk Schleswig-Holsteins samt „Glockenmännchen“ vor. Das Stück aus dem Jahre 1512 steht in Wulfs früherer Kirche in Garding.

Rotschenkel
Wiesenvögel wie Rotschenkel sind typisch auf Eiderstedt. Foto: Volker Heesch

Interessante Natur

Während der Jahrestagung der HAG stellte Diplomgeograf Armin Jess, Mitarbeiter des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und ehrenamtlicher Vogelschützer, die reiche Natur Eiderstedts vor.

Auf seinem von hervorragenden Lichtbildern illustrierten Streifzug präsentierte der gebürtige Eiderstedter Bewohner des Wattenmeeres wie Seehunde und Kegelrobben. Diese teilen sich die nahrungsreiche Küste mit Brut- und Rastvögeln in Millionenzahl – und den vielen Touristen, die von Sandstränden wie vor St. Peter-Oding, aber auch der herrlichen Natur angezogen werden.

Zur Entwässerung von Flächen unter dem
Meeresspiegel sind Pumpen nötig.

Armin Jeß, Dipl.-Geograf St. Peter-Ording


Jeß berichtete von Erfolgen des Naturschutzes im Zuge der Ausweisung von Schutzgebieten. Allerdings litten gerade Wiesenvögel oder bedrohte Arten wie die Trauerseeschwalbe unter der Intensivierung der Landwirtschaft.

Ebenso wie die Landwirtschaft sei auch die Natur dem Klimawandel ausgesetzt. Steigende Niederschläge und höherer Meeresspiegel wirkten sich aus. „Zur Entwässerung von Flächen unter dem Meeresspiegel sind Pumpen nötig“, berichtete er.

„Die Gänse profitieren von der heutigen Landwirtschaft“, so Jeß, während die Schleiereulen nach Einführung des Maisanbaus einen negativen „Biogasknick“ erlitten hätten. Er stellte Maßnahmen der Naturpflege im früheren Katinger Watt vor und beantwortete viele Fragen aus seinem großen Wissensschatz.

Tönning zweite Festung
Die Festung Tönning wurde ab 1714 abgebrochen. Foto: Volker Heesch

Neue Forschung

Der Historiker Jens Boye Volquarts, der an der Universität Kiel an seiner Doktorarbeit schreibt, lieferte während der Eiderstedttagung in der Akademie Sankelmark neueste Forschungserkenntnisse zum Thema Burgen und Festungen auf der Halbinsel. Er berichtete, dass bis vor wenigen Jahren Eiderstedt als „adelsfreies“ Gebiet betrachtet wurde.

Die Festung Tönning wurde
in niederländischer Manier 1651 erbaut.

Jens Boye Volquartz, Historiker, Universität Kiel

Er stellte eine ganze Reihe von einstigen Burgen vor, u. a. lag möglicherweise eine auf Helgoland, das im Mittelalter zur Landschaft Eiderstedt gehörte. Am Beispiel der Wogemanneborch bei Westerhever berichtete er über das Wirken von Geschlechterverbänden, die teilweise einen Aufstieg in den niederen Adel schafften.

Es wurden Vertreter der Familie Tetens vorgestellt, die unter den vielen Adligen aufgeführt wurden, die bei der Schlacht von Hemmingstedt im Jahre 1500 umkamen, als der Feldzug von König, Herzog und Adligen gegen die Dithmarscher scheiterte.


Interessante Ausführungen lieferte Volquartz über die unter dem Gottorfer Herzog Friedrich III. zur Festungsstadt ausgebauten Stadt Tönning. „Die Festung Tönning wurde in niederländischer Manier 1651 erbaut“, so Volquartz, der auf das Bündnis der nach Souveränität drängenden Gottorfer Herzöge mit den Schweden hinwies, das im Nordischen Krieg 1700-1721 das Ende des eigenen Staates einläutete.

Mit der Niederlage Schwedens, der Belagerung Tönnings verschwanden Schloss und Festung aus der Stadt an der Eider.

Ansicht Friedrichstadt
Eine Ansicht Friedrichstadts aus dem Jahre 1788 Foto: Volker Heesch

Gründung 1621

Die Leiterin des Archivs und des Museums von Friedrichstadt, Christiane Thomsen, stellte ihre Heimatstadt während der Eiderstedt-Tagung der HAG als Ort mit einzigartiger Geschichte vor.

Friedrichstadts Stadtrecht wurde
1635 auf Niederländisch verfasst.

Christiane Thomsen, Stadtarchivarin in Friedrichstadt

Die auf Initiative des Herzogs von Schleswig-Holstein Gottorf, Friedrich III., 1621 gegründete Siedlung ist die einzige Stadtgründung der Renaissance in Schleswig. „Friedrichstadts Stadtrecht wurde 1635 auf Niederländisch verfasst“, so Christiane Thomsen in ihren Ausführungen über die entscheidende Rolle von Glaubensflüchtlingen bei der Errichtung der Stadt.

Mit der Gewährung der Religionsfreiheit übernahmen zunächst Angehörige der Religionsgemeinschaft der Remonstranten die Hauptrolle bei der Bebauung der schachbrettartig angelegten Siedlung zwischen der bereits 1570 abgedämmten Treene und der Eider.

Sie berichtete über das 2021 vorgesehene Festjahr, mit dem das 400-jährige Gründungsjubiläum gefeiert wird. Das Publikum erfuhr, dass die Beschießung Friedrichstadts durch schleswig-holsteinische Truppen in der von den Dänen besetzten Stadt 1850 zu großen Zerstörungen geführt hat.

Es wurden hochinteressante erhaltene Gebäude vorgestellt, die an die einstige jüdische Gemeinde, Katholiken und Mennoniten im Ort erinnern.
Anhand vieler Bilder wurden Handel und Schifffahrt und das Wirken der multireligiösen Bewohner in der „Toleranzstadt“ erklärt.

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