Landwirtschaft

„Es gibt nichts Schöneres als Erde unter den Nägeln“

„Es gibt nichts Schöneres als Erde unter den Nägeln“

„Es gibt nichts Schöneres als Erde unter den Nägeln“

Holm
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Rikke Lock Harvig möchte andere an ihren grünen Visionen teilhaben lassen. Foto: Karin Riggelsen

Rikke und Lise Lock Harvig bauen in Holm ihre Pflanzenschule auf. Der Erhalt alter Obstsorten durch Veredelung ist für die beiden Frauen eine Herzensangelegenheit, das Projekt wird auch von der Kommune unterstützt.

Rikke Lock Harvig ist in Lauensby aufgewachsen. Für sie war es nach zehn Jahren Leben in Kopenhagen eine Rückkehr zu Bekanntem, doch nicht für ihre Frau Lise, die in Kopenhagen aufgewachsen ist. Da ihre älteste Tochter an frühkindlichem Autismus erkrankt ist, fiel der Beschluss für den Umzug leicht. „Die Familie ist das Wichtigste“, so sieht es Rikke.

Ein Jahr wohnte das Paar zur Miete, um zu sehen, ob es klappt. Dann vor vier Jahren kaufte es dann den leer stehenden Hof im Lønsomadevej 11. Geplant war, eine Obstplantage aufzuziehen, aber nun wird es eine Pflanzenschule. „Das ist so toll, etwas Neues zu schaffen“, erklärt Rikke. Eine kleine Hilfe dabei sind drei Bienenvölker.

Der Hof der Familie im Lønsomadevej 11. Foto: Karin Riggelsen

Das Paar ist vom Erfolg überrumpelt. Es kann der Nachfrage nach Obstbäumen kaum nachkommen. Die „Ernte“ des Jahres ist bereits verkauft.
Dabei hatten die beiden sehr wenig Ahnung vom Obstanbau. Rikke Lock Harvig ist Diplomingenieurin mit Fokus „Wassermilieu“, Lise archäologische Forscherin (keine Feldarbeit). Sie haben sich alles selbst beigebracht, YouTube war da eine große Hilfe.

Rikke hat das Veredeln gelernt. „Das ist so befriedigend, neue Pflanzen zu ziehen. Neben 1.000 Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäumen wollen wir auch Esskastanien anpflanzen“, meint sie zum „Querbeet-Anbau“, denn die Bäume werden nicht in Reih und Glied stehen, „so entstehen überall kleine Gärten“.

Bewahrung von alten Apfelsorten

Eine Herzensangelegenheit sind alte alsische Apfelsorten, die sie bewahren möchten. Dafür hat Rikke ein Projekt ausgearbeitet, LAG-Mittel in Höhe von 275.000 Kronen erhalten (Lokale Anlægsfond) und es der Kommune vorgestellt. Diese unterstützt die Idee: Die 37-Jährige soll auf Kær Vestermark eine Apfelbaumplantage mit alsischen Sorten anlegen. „Die meisten kennen vielleicht mal sechs Sorten aus dem Supermarkt. Dabei gibt es unheimlich viele. Wir haben bei uns 70 Sorten, und bei den alsischen gibt es 21. Hinter jeder steckt eine Geschichte, die ich dazu erzählen möchte“, sagt sie mit strahlenden Augen.

Das Veredeln hat sich Rikke selbst beigebracht. Foto: Karin Riggelsen


„Das ist so toll, im Garten was zu machen. Es gibt nichts Schöneres als Erde unter den Nägeln. Auch den Kindern gefällt es“, sagt Rikke zu mittlerweile drei Töchtern (2, 5, 8 Jahre alt).
Rikke und Lise setzen bei ihrem Betrieb auf Permakultur, die Abkürzung für „permanente Agrarkultur“.

Dabei geht es um eine Anbaumethode mit dem Ziel, nutzbare Ökosysteme zu schaffen, die sich selbst erhalten können. „Das ist eine Folge der Klimaänderung. Permakultur ist die älteste Form des Anbaus in der Welt. Bevor wir ernten können, werden wir einen Demo-Garten anlegen, um zu sehen, wie was wächst.“ In Dänemark sei dieser Gedanke nicht sehr verbreitet, mehr in England. Aber in unmittelbarer Nähe gibt es die Ökogesellschaft „Soleng“ in Gammelgab, mit der sich das Paar austauscht.

Nachhaltigkeit als Lebensform

Unkraut, für jeden Hobbygärtner ein Frust, sieht Rikke gelassen. „Junger Giersch schmeckt doch gut. Du musst so anbauen, dass das Unkraut keine Chance hat, durchzukommen“, bevorzugt sie eine fast engmaschige Bepflanzung. Gespritzt wird auf den neun Hektar natürlich nicht.

Nachhaltigkeit ist eine Lebensform für die Familie. Rikke baut ein Treibhaus aus gebrauchtem Holz und Fensterscheiben. Ratschläge holt sie sich von ihrem Vater. Auf dem Dach ist eine Solaranlage. Eine Bewässerungsanlage wird es jedoch nicht geben. „Wenn du die Qualität des Bodens verbesserst, wird er wie ein Schwamm. Dann haben die Bäume Wasser“, hat sie gelernt.

Rikke Lock Harvig in ihrem Garten. Foto: Karin Riggelsen


Die Bekleidung wird in Secondhandläden gekauft, das Essen kommt überwiegend vom Hof. Rikke hat sogar gelernt zu schlachten (bisher drei Lämmer), Milch kommt von der Kuh, Eier von den Hühnern, Seife wird selbst hergestellt, nur selten müssen sie im Supermarkt einkaufen. Sollte manches nicht biologisch sein, legt das Paar Wert darauf, dass es zumindest aus der Umgebung kommt, um so den CO2-Ausstoß durch den Transport zu umgehen. „Wir versuchen, so nachhaltig wie möglich zu leben und uns selbst zu versorgen.“ In diesem Jahr wird ein Kartoffelacker bestellt, zum Eigenverbrauch.

Die Schafe, Kühe und Pferde erfüllen noch einen anderen Zweck. Ihre ökologische Methode heißt „holistisches Grasen“. Die Weide wird in Bereiche eingeteilt. Ist ein Teil abgefressen, darf das Gras in Ruhe wieder wachsen, ehe es wieder abgefressen wird. „So wird gute Bodenqualität wieder aufgebaut“, weiß Rikke.

Das Paar lässt sich nicht von schwerer körperlicher Arbeit abschrecken. „Dann laden wir Familie und Freunde zu einem Essen ein“, erzählt Rikke vom Bau eines ein Kilometer langen Weidezauns. Hätte sie dafür Leute eingestellt, hätte das 50.000 Kronen gekostet.

Die 37-jährige Rikke Lock Harvig schwört auf „holistisches Grasen". Foto: Karin Riggelsen

Genehmigung zur Herstellung von Apfelwein steht noch aus

Familie und Freunde könnten wieder gefordert sein, wenn ein weiterer Traum umgesetzt wird: Herstellung von Cider (Apfelwein). Ein Apparat für den Eigenbedarf ist gekauft. Die Genehmigung der Lebensmittelbehörde steht noch aus. Ihren groben Zeitplan koppelt sie an das „Nordals Ferieresort“. „Ich denke, in fünf Jahren kann ich etwas verkaufen.“

Die Frauen stört es nicht, dass die Tage lang sind, dass ein Tag nur 24 Stunden hat (Rikke braucht pro Woche mindestens 20 Stunden für den Stadtrat, in dem sie die Sozialdemokraten vertritt), es keinen Urlaub gibt, es noch Jahre dauern wird, bis die Familie vom Hof leben kann.

Es ist eine Frage der Einstellung, des Lebensstils. „Wir brennen dafür. Wir arbeiten schon viel, ja, aber wichtig ist, unsere grünen Visionen an andere weiterzugeben“, so Rikke, die „Hummeln im Hintern“ hat, wie sie sagt. Ein Zugeständnis machen die beiden. Sie fahren viermal im Jahr nach Kopenhagen, wo Lises Familie lebt. „Das brauchen wir. Du musst abschalten können, ohne geht es nicht“, meint Rikke.

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