Demenzbehandlung

Nordschleswig: Musik statt Medikamente

Nordschleswig: Musik statt Medikamente

Nordschleswig: Musik statt Medikamente

Laure Saint-Alme
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Foto: Adobe Stock

Wenn Kinderlieder ältere Menschen zum Lächeln bringen können, warum Musik nicht als Demenzbehandlung verschreiben? „Der Nordschleswiger“ ist der Spur eines neuen Begriffes gefolgt: Musiktherapie.

Im Rehabilitationszentrum in Rothenkrug/Rødekro SRC (Special- og Rehabiliteringscenteret) werden viermal im Jahr deutsche und dänische Kinder- und Laternenlieder gesungen. Wer die Ohren spitzt, hört nicht nur Kinderstimmen.

Was ist da los? Elke Mörck, Erzieherin am Deutschen Kindergarten Rothenkrug, offenbart in einem Interview mit dem „Nordschleswiger“ das Geheimnis.

Eines Tages lief sie Laterne mit den Kindern, als mehrere Bewohner des Rehabilitationszentrums spontan ankamen, um zusammen mit den Kindern zu singen.

Wenn sie aus dem Krankenhaus kommen, können die älteren Menschen, die manchmal an Demenz leiden, für vier Wochen im Rehabilitationszentrum leben. Danach bekommen sie einen Platz im Pflegeheim oder gehen wieder nach Hause.

Demenz in Dänemark

Etwa 85.000 Menschen in Dänemark haben Demenz. Bei nur jedem Zweiten wird die richtige Diagnose gestellt, deshalb ist die Dunkelziffer der Erkrankten weitaus höher. Die Krankheit ist für jeden fünften Todesfall verantwortlich. Das Risiko zu erkranken steigt mit dem Alter. Schon junge Menschen um die 40 können erkranken. Mögliche Symptome für eine Demenz sind unter anderem Vergesslichkeit, Verwirrung und ein nachlassendes Urteilsvermögen.

Quelle: u.a. alzheimer.dk

Freude hat keinen Preis

Später hat der Kindergarten sich entschieden, mit dem Rehabilitationszentrum einen regelmäßigen Termin zu organisieren: Zu jeder Jahreszeit besuchen nun die Schüler des Kindergartens dieses Zentrum.

Mörck spricht gegenüber dem „Nordschleswiger“ vom Engagement des Kindergartens:

„Uns ist es wichtig, unseren Kindern zu zeigen, dass wir anderen Freude machen können, ohne etwas dafür zu kriegen.“

Steven Koch hat während seines Praktikums am deutschen Kindergarten Rothenkrug die Gelegenheit gehabt, mit den Kindern die Bewohner des Rehabilitationszentrums zu besuchen. Die Bewohner seien sehr begeistert, haben gesungen und viel geklatscht.

Außerdem erzählt Koch, dass ein Bewohner, der schweigsam während der Lieder geblieben war, sich plötzlich freute, dass ein Kind genauso wie er hieß.

Diese Anekdote wirft ein paar Fragen auf: Kann Musik allein Demenz-Erkranken helfen? Oder ist Musik nur eine Ausrede für menschlichen Kontakt?

Beatles oder Mozart?

Obwohl die Effekte der Musik nicht sichtbar sind, gebe es viele Menschen, die einen großen emotionalen Bezug zu einzelnen Werken entwickelt haben und denen die Rezeption dieser Musik helfe, über schwere Krankheiten hinwegzukommen, sagt die Dirigentin der Musikvereinigung Nordschleswig, Susanne Leona Heigold.

Sie betont trotzdem, dass Musik nicht heilen kann, sondern nur helfen, den Heilungsprozess zu beschleunigen.

Der Grund dafür sei, dass bestimmte Musik Stoffe im Gehirn freisetzt, die das Immunsystem und die körpereigenen Selbstheilungskräfte aktivieren.

Zudem werde der Mensch in positive Stimmung versetzt und positives Denken könne bei der Krankheitsbewältigung helfen.

Die Dirigentin Heigold präzisiert allerdings, dass die Musik, die dieses auslöst, für jeden unterschiedlich sein kann: „Wem die Beatles helfen, dem hilft nicht unbedingt Mozart – das ist individuell“, sagt sie.

Einsamkeit

Die Musiktherapeutin Signe Kristiansen vom Kompetenzzentrum für Demenz in der Kommune Sonderburg/Sønderborg besucht häufig mit ihrer Gitarre Pflegeheime. Sie singt meistens Lieder, die die Kranken an ihre Jugend erinnern.

„Diese Lieder sind unsere Identität“, sagt sie.

Für die nervösen Demenz-Erkrankten spiele sie langsame Melodien zur Entspannung. Aber nicht alle Demenz-Erkrankten haben das gleiche Erregungsniveau.

Manche schlafen viel und isolieren sich. Deswegen versucht Kristiansen, sie anzuregen.

Bei ihnen fängt sie mit einem langsamen Tempo an und beschleunigt es danach und klatscht, um sie zu stimulieren.

Sie hat ihr heimatliches Westjütland verlassen, um an der Universität Aalborg Musiktherapie zu studieren – der einzige Ort in Dänemark, wo Studiengänge in diesem Bereich existieren.

Wissenschaftliche Proben

An der Universität Aalborg fördert das Zentrum für Dokumentation und Forschung in Musiktherapie CEDOMUS (center for dokumentation og forskning i musikterapi) diese neue Heilkultur. Dort studierte die Professorin Hanne Mette Ochsner Ridder die Auswirkungen der unterschiedlichen Demenzbehandlungen.

Die Komplexität der Folgen von Musiktherapie für Demenz-Erkrankte lässt sich erklären lassen: Ein gutes Verständnis der Musiktherapie wird laut ihr nur durch ein fachübergreifendes – am besten biopsychologischen Studium – erreicht.

Mehr lesen

Kulturkommentar

Claudia Knauer
„So viele Türchen“