Spuren durch die Hauptstadt

Eine Wanderung durch den Wandel

Eine Wanderung durch den Wandel

Eine Wanderung durch den Wandel

Kopenhagen
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Istedgade mit dem Hauptbahnhof im Hintergrund Foto: Walter Turnowsky

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Wie alle anderen Großstädte lebt auch Kopenhagen in immerwährender Veränderung. Bei einem Spaziergang durch Vesterbro und dem Carlsberg-Gelände können wir diesen Wandel erleben.

Vesterbro war bis vor 20 bis 30 Jahren Synonym für Kriminalität, Drogen, Prostitution und sozialem Elend.

Doch in den 90er Jahren begann das Viertel sich zu wandeln und heute säumen Cafés und hippe Shops die Straßen des Stadtteils.

Wir kommen mit dem Zug aus Nordschleswig an, und wählen in der Haupthalle den linken Ausgang in Fahrtrichtung. Jahrzehntelang wurden die Reisenden hier von recht lauter Opernmusik begrüßt.

Die Musik war jedoch nicht dazu da, um die Passagiere zu beglücken, sondern sie sollte Drogenabhängige und Alkoholiker vertreiben, die sich gerne in diesem Eingang aufhielten.

Istedgade

Vor uns erstreckt sich die Istedgade, seit eh und je der Lebensnerv des Viertels, ganz gleich welche Branchen nun gerade die dominierenden waren.

Imbiss auf der Istedgade Foto: Walter Turnowsky

Auf dem ersten Stück der Istedgade finden wir es noch, das alte, aber nicht unbedingt gute, Vesterbro. Einzelne Sexshops und Stripclubs haben überlebt, doch auch hier übernehmen Läden mit einer anderen Klientel immer mehr.

Fahrzeuge von Obdachlosen vor der Mariakirke Foto: Walter Turnowsky

Der Platz vor der Mariakirke war einst Aufenthaltsort von Drogenabhängigen, denn die Kirche bietet Schutz und eine Mahlzeit. Heute ist er von obdachlosen Menschen aus Südosteuropa übernommen, die nach Kopenhagen gereist sind, um mit Betteln, Flaschen sammeln und anderen „Geschäften“ ihr Dasein zu fristen.

Wenige Schritte weiter bieten ein paar junge Frauen dem männlichen Besucher auf Englisch Sex an. Direkt daneben liegt ein Laden, der sich als der „coolste Shop der Stadt“ bezeichnet.

Istedgade: Im Hintergrund verhandelt eine Prostituierte mit einem potenziellen Kunden. Foto: Walter Turnowsky

Der coole Schlachthof

Wir biegen links ab und gelangen zum Halmtorvet. Die Prostituierten sind hier schon vor Jahrzehnten um die Ecke in die Skelbækgade verschwunden. Der Platz gehörte zu den ersten Ecken, die den Wandel vom Schmuddel- zum Szeneviertel durchlebten.

Halmtorvet heute Foto: Walter Turnowsky

In den 90er Jahren zogen immer mehr junge Menschen nach Vesterbro, Cafés und Weinbars zogen hinterher. Ein Teil von ihnen blieb auch nach der Ausbildung wohnen, andere mit guten Einkommen zogen her. Die Wohnungspreise stiegen zu mit den höchsten in der Stadt.

Die braune Kødby hat auch eine grüne Ecke bekommen. Foto: Walter Turnowsky

Entlang der einen Seite des Halmtorvet finden wir Kødbyen. Im ehemaligen Schlachthof finden wir neben den Fleischgroßhändlern nun auch Galerien, Gastronomie, Kulturveranstaltungen und Büros der kreativen Gewerbe.

In der braunen Kødby Foto: Walter Turnowsky

Im ältesten Teil, der 1878 erbauten „braunen“ Kødby, befindet sich derzeit eines der großen Impfzentren der Stadt. Direkt davor: Public Viewing während der Fußball-EM.

Einige Großhändler in der Kødby existieren noch. Foto: Walter Turnowsky

Wir schlendern durch das Gelände und finden in der „weißen“ Kødby (erbaut 1931 bis 1934) noch einige Nahrungsmittelgroßhändler Tür an Tür mit den neueren Geschäften.

Café in der weißen Kødby Foto: Walter Turnowsky

Doch auch in der Kødby lebt direkt neben dem neuen, hippen Vesterbro das soziale Elend. Die Kommune hat an einer Ecke auf dem Gelände einen Fixerraum eingerichtet. Auch ausländische Drogenabhängige kommen offensichtlich hierher.

Hier können Drogenabhängige in sicherem Rahmen ihren Drogen spritzen. Foto: Walter Turnowsky

Die Straße der Kindheit

Wir begeben uns wieder zur Istedgade und gehen sie weiter entlang. Hier hat sich der Wandel vollständig vollzogen. Dies gilt auch für den Enghave Plads.

Auch das Rad will richtig gewählt sein, wenn man in einem Viertel wie Vesterbro wohnt. Foto: Walter Turnowsky

Dort überqueren wir die Enghavegade. Es ist die Kindheitsstraße der Autorin Tove Ditlevsen, der sie 1942 ein Gedicht und 1943 einen Roman gewidmet hat. Damals war Vesterbro noch ein typisches Arbeiterviertel.

Enghave Plads Foto: Walter Turnowsky

Im Gedicht lässt sie die Straße sprechen:

„Jeg slog dig engang til jorden

for at gøre dit hjerte hårdt,

men jeg rejste dig varligt op igen

og tørrede tårerne bort“, beschreibt Ditlevsen in Barndommes Gade wie das damalige Milieu sie prägte.

Spielplatz in der Nähe von Enghave Plads. Er dient gleichzeitig als Auffangbecken bei Wolkenbrüchen. Foto: Walter Turnowsky

Das Brauereigelände

Vor uns erblicken wir nun drei Hochhaustürme. Es ist das ehemalige Gelände der Brauerei Carlsberg. Die Baukräne bezeugen, dass hier der Wandel noch im vollen Gange ist.

1847 gründete Braumeister J.C. Jacobsen hier seine erste Brauerei. Sein Sohn Carl Jacobsen gründetet direkt daneben die Ny Carlrsberg Brauerei. Am 30. Oktober 2008 wurde hier das letzte Bier gebraut. Die Produktion zog nun ganz nach Fredericia um.

Alt und neu nebeneinander auf dem Carlsberggelände. Bohrs Tårn gefällt nicht allen. Foto: Walter Turnowsky

Dadurch eröffnete sich die Möglichkeit ein ganz neues Viertel nahe der Innenstadt zu bauen. Nicht alle sind von dem bisherigen Ergebnis überzeugt. Das eine Hochhaus, der Bohrs Tårn, wurde 2019 als hässlichstes Gebäude Kopenhagens nominiert.

De Hængende Haver im J.C. Jakobsen Garten. Das Gebäude stammt aus den 60er Jahren. Die Brauerei hat in ihrer Geschichte auf Architektur Wert gelegt. Foto: Walter Turnowsky

Doch wir wollen uns nicht von den Urteilen anderer leiten lassen, sondern erkunden selbst das Gelände.

Erkannt? Beim Hochhaus hat die Olsen Bande eine Waggon mit Polizisten auf das falsch Gleis gebracht. Foto: Walter Turnowsky

Der geheime Tunnel

Wir bewegen uns wieder in Richtung des Enghavevejs, und zwar dort, wo er das Gleis überquert. Hier werfen wir noch einmal einen Blick zurück und entdecken Stelle, an der die Olsen Bande 1975 einen Ausflugswaggon mit Polizisten auf das Gelände der Brauerei fahren ließ.

Wir gehen den Enghavej noch ungefähr 100 Meter stadtauswärts und entdecken hier (wenn wir aufmerksam sind) einen „geheimen“ Tunnel, der unter Gleisen hindurchführt.

Der geheime Tunnel Foto: Walter Turnowsky

Am anderen Ende finden wir 33 gelbe Häuschen, die früher als Dienstwohnungen für Mitarbeiter der Staatsbahnen, DSB, dienten.

In der gelben Stadt haben früher die Eisenbahner gewohnt. Foto: Walter Turnowsky

Ein Schild mit dem Hinweis Banegaarden weist den Weg zu einem verschlungenen grünen Pfad. An einem Öko-Garten, Hühner und Bienenstöcken vorbei, führt er uns zu Holzschuppen, die Teil der Zentralwerkstatt von DSB waren.

Ein verschlungener Pfad ... Foto: Walter Turnowsky
... doch der Geheimtipp scheint sich herumgesprochen zu haben. Foto: Walter Turnowsky

Seit dem vergangenen Sommer ist es eine versteckte Oase mitten in der Stadt, wo man eine ökologische Stärkung zu sich nehmen kann. Brauchen wir noch ein wenig Gemüse, ist das auch hier zu haben.

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