Verstorbener US-Außenminister

Colin Powell, Joschka Fischer und eine Kiste Flens

Colin Powell, Joschka Fischer und eine Kiste Flens

Colin Powell, Joschka Fischer und eine Kiste Flens

SHZ
Flensburg
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US-Außenminister Colin Powell (links) bei seinem Berlin-Besuch im Mai 2003 mit Bundesaußenminister Joschka Fischer. Foto: Bonn-Sequenz / Imago Images

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Colin Powell ist tot. Zu seiner Zeit als US-Außenminister spielte ein Produkt aus Flensburg plötzlich eine Schlüsselrolle in den deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Fotos von Colin Powell mit einer Bügelverschluss-Flasche in der Hand gibt es nicht. Jedenfalls nicht solche, die öffentlich zugänglich werden.

Verbürgt aber ist: Der frühere US-Außenminister, der jetzt im Alter von 84 Jahren an einer Corona-Infektion gestorben ist, trank gern Flens. Und das Flensburger Bier spielte in einem Schlüsselmoment seiner Deutschlandpolitik eine nicht ganz unwichtige Rolle.

Es war Anfang 2003, als die deutsch-amerikanischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt angelangt waren. Powell und Bundesaußenminister Joschka Fischer gerieten im UN-Sicherheitsrat aneinander. Es ging um den Krieg gegen den Irak, den die USA beginnen wollten und den die Deutschen ablehnten. Millionen verfolgten live im Fernsehen, wie Fischer seinem US-Kollegen widersprach und die amerikanischen Geheimdienst-Angaben zu Massenvernichtungswaffen im Irak anzweifelte.

Bierkisten-Diplomatie

Wenige Wochen später kam Powell nach Deutschland. Die Stimmung war immer noch nicht gut, aber doch nicht annähernd so eisig wie später zu Zeiten von Donald Trump.

So gab Fischer seinem Amtskollegen, wie es den diplomatischen Gepflogenheiten entspricht, ein Geschenk mit auf den Heimweg: eine Kiste Flens. Denn Powell hatte offenbar einmal erwähnt, dass er dieses herbe deutsche Bier gern trinkt. Beide Minister sollen es bei allen Meinungsverschiedenheiten bei ihren gemeinsamen Treffen gelegentlich ploppen gelassen haben.

„Entspannung mit Bölkstoff“

Eigentlich wäre die Geschichte damit auch erledigt gewesen.

Aber als der Bundesaußenminister im Sommer desselben Jahren nach Washington kam, war die Bierkiste von der Förde plötzlich in aller Munde. „Entspannung mit Bölkstoff“, titelte zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung.

Die USA und ihre Verbündeten hatten den Krieg gegen Saddam Husseins Irak zwar schnell gewonnen, hatten aber ihre Schwierigkeiten, das eroberte Land unter Kontrolle zu bekommen. Sie hofften Unterstützung Deutschlands und anderer europäischer Staaten, die dem Einsatz ablehnend gegenüberstanden.

Charme-Offensive mit Leergut

Da holte Powell im Rahmen seiner Charme-Offensive die Kiste Flens heraus, die er inzwischen geleert hatte, und gab sie Joschka Fischer zurück. In den USA habe kein Supermarkt das Leergut annehmen wollen, sagte er. Der Spiegel resümierte, nun sei „auf Außenministerebene das Tief im transatlantischen Verhältnis überwunden“.

Im Nachhinein mag es rätselhaft erscheinen, dass ein paar leere Flaschen so viel öffentliche Begeisterung auslösten. Sicher ist aber: Die Bügelflaschen sind in den Pfandflaschenkreislauf zurückgekehrt. In der Folgezeit durfte jeder Flenstrinker sich denken: Vielleicht war die Flasche, die ich gerade in der Hand halte, auch schon am Mund eines amerikanischen Außenministers.

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