Vor 100 und vor 50 Jahren

Chronik August 2021

Chronik August 2021

Chronik August 2021

Jürgen Ostwald
Nordschleswig
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Seit Wochen herrschte in Mitteleuropa eine große Hitze. In Breslau stieg das Thermometer am 11. August 1921 auf 35 Grad, in Prag auf 36 Grad. Foto: Lukaszprzy

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Chronik August 2021 – Vor 100 und vor 50 Jahren

Foto: DN

Dienstag, 2. August 1921, Morgen-Ausgabe

Salzburger Festspiele

Die Festaufführungen von „Jedermann“ finden dank dem Entgegenkommen des Salzburger Domkapitels in gleicher Weise wie im Vorjahre auf dem Salzburger Domplatze statt. In Anbetracht des wohltätigen Zweckes haben sich die Künstler des Deutschen Theaters in Berlin für die Mitwirkung zur Verfügung gestellt. Die Hauptrollen spielen Alexander Moissi, Werner Krauss, Hans Brockmann, Johannes Terwin und Helene Thimig; Hedwig Bleibtreu vom Berliner Burgtheater wurde gebeten, wie im Vorjahre den „Glauben“ darzustellen. Aufführungstage: 15., 16., 17., 18. und 19.August; Anfang 5 Uhr nachmittags.

Hugo von Hofmannsthals Bearbeitung des alten Stoffes stammt aus dem Jahr 1911. Der reiche Mann, der durch den Tod vor Gott tritt und sich, von seinen Freunden verlassen, rechtfertigen muss, wurde erstmals 1911 von Max Reinhardt im Berliner Zirkus Schumann, 1912 dann nochmals im Zirkus Busch aufgeführt – sein angestammtes Theater fasste nicht die in die Tausende gehenden Zuschauer. Hofmannsthal hatte das spätmittelalterliche Mysterienspiel mit seinen theologischen Implikationen ins Allgemein-Menschliche überführt und Jedermann vor Gott und den Tod gestellt.

Erst 1920 fand Reinhardt, seit Kurzem in Österreich und nicht mehr in Berlin tätig, in Salzburg den geeigneten Spielplatz für eine Neuinszenierung. Seither fanden alljährlich während der Salzburger Festspiele Aufführungen des Jedermann an immer demselben Platz, dem Salzburger Domplatz, statt. Auch in heutigen Augusttagen von 2021, mit Lars Eidinger als Jedermann.

Der Kritiker Gustav Hillard, Jahrgang 1881, dessen Romane zur Adenauer-Zeit auch in Nordschleswig gelesen wurden und der 1972 in Lübeck nach langen Schaffensjahren starb, schrieb 1920/21: „Reinhardts Inszenierung schuf aus dem Spielraum des Salzburger Domplatzes, aus diesem gebauten und gewachsenen Bühnenbild, aus der Barockfassade, den Arkaden, den Palastfronten, der im Hintergrund aufstrebenden Festung eine wahrhaft einmalige Szenerie, so nämlich, dass alles dies, was ihm zur Verfügung stand, nicht Rahmen blieb, auch nicht Kulisse, sondern eben Spielraum wurde und am Spiel teilnahm. Nur so war die Freilichtaufführung zu rechtfertigen, nur dann ist sie es, wenn ein unverwechselbares adäquates Ambiente vorhanden ist, dem ein Spiel zugehörig wird.“

Die Bühne der Jedermann-Aufführung in Salzburg 1920 Foto: Max-Reinhardt-Forschungsstätte, Salzburg

Dienstag, 2. August 1921, Abend-Ausgabe

Geplante Überführung der Leiche Leo XIII. nach dem Lateran

Telegramm unseres Korrespondenten. Die römischen Katholikenvereine richten eine Anfrage an die Regierung, ob sie die etwaige Überführung der Leiche Leos XIII. von Sankt Peter nach dem Lateran gestatten und die Feierlichkeit durch Sicherheitsmaßnahmen garantieren wolle. Der Vatikan erwarte aber, dass die Überführung nicht bei Nacht und Nebel und in aller Heimlichkeit stattfinde, wie die Überführung des Papstes Pius IX., dessen Leiche von Antiklerikalen beinahe in den Tiber geworfen wurde. Der Vatikan hoffe vielmehr, dass die Regierung mit großem Pomp an der Zeremonie teilnehme. Schon jetzt steht fest, dass die gesamte Popolaripartei sowie über zwanzigtausend Katholiken sich dem Zuge anschließen werden. Der Überführung, die wahrscheinlich am 7. September erfolgt, soll eine Leichenfeier unter Teilnahme des Papstes und des Kardinalkollegiums sowie des diplomatischen Korps in Sankt Peter vorhergehen.

Leo XIII. (1810-1903) war für die katholische Welt der bedeutendste Papst des 19. Jahrhunderts. Sein Pontifikat reichte von 1878 bis zu seinem Tod. Als er den Thron Petri bestieg, konnten selbst Kirchengegner ihre Achtung vor dem neuen Papst nicht verleugnen. In der Tat setzte er sich für Verständigung und Versöhnung der Völker ein. Für deutsche Zusammenhänge ist es von Bedeutung, dass er den Kulturkampf beenden konnte.

Das große Grabmal für den Papst in der Lateransbasilika war 1921 längst fertig. Im Jahre 1907 hatte es der Bildhauer Giulia Tadolini (1849-1918), der einer bekannten römischen Bildhauerfamilie entstammte, die mehrere Arbeiten für San Giovanni in Laterano durchgeführt hatte, vollendet. Nun stand die Überführung bevor. Heute finden sich in der Laterans-Basilika nur noch wenige Grabmäler, viel haben sich nicht erhalten. Das Leo-Grabmal ist eines der größten. Die eigentliche Grablege der Päpste ist natürlich St. Peter. Von Petrus bis zu Johannes Paul II. sind dort natürlich ungleich mehr Päpste bestattet als im Lateran.

Das Grabmal für den 1903 verstorbenen Papst Leo XIII. war längst fertig, als er vor einhundert Jahren dorthin überführt werden sollte. Foto: Marie-Lan Nguyen

Mittwoch, 3. August 1921, Morgen-Ausgabe

Enrico Caruso gestorben

Enrico Caruso ist gestern in seiner Heimatstadt Neapel im Alter von 47 Jahren gestorben.

Mit dieser kurzen Nachricht begann eine große Würdigung in der Zeitung, wie überhaupt alle Zeitungen damals mehr oder minder ausführliche Nachrufe brachten. Caruso war nach zweijähriger Krankheit gestorben. 67 Opernpartien und über 500 Lieder gehörten zu seinem Repertoire. Viele Zeitungen zitierten sein Erfolgsrezept: „Eine große Brust, ein großer Mund, 90 Prozent Gedächtnis, 10 Prozent Intelligenz, eine Menge harter Arbeit und ein kleines etwas im Herzen.“ Sein Name ist in unserem heutigen Allgemeinwissen immer noch präsent, obwohl die meisten von uns keine Kenntnis seiner Stimme haben.

Der deutsche Autor und Jahrhundert-Chronist Harry Graf Kessler hielt sich damals 1921 während einer seiner zahlreichen Italien-Reisen in Sorrent auf und schrieb in sein Tagebuch: „Ruhig gearbeitet. Nachmittags Baden am Capo di Sorrento. Der arme Caruso in Neapel am 1. gestorben Ungeheurer Eindruck dieses Todes hier. Er war der repräsentative Mann von Neapel, der vergöttlichte neapolitanische Sta. Lucia Sänger, der typische Neapolitaner. Den Himmel Neapels hatte er in seiner Stimme um die Welt getragen. Ganz Neapel hat ihn mit mehr als königlichen Ehren zu Grabe getragen.“

Mittwoch, 3. August 1921, Abend-Ausgabe

Ein Hilferuf der Moskauer Internationale

„Daily Herald“ veröffentlicht an hervorragender Stelle einen dem Blatt drahtlos übermittelten Aufruf des Vollzugsausschusses der dritten Internationale der Arbeiter der Welt in der diese um ihre Unterstützung bei der großen Hungersnot in Russland gebeten werden. In dem Aufruf heißt es: Sowjetrussland sei von einer großen nationalen Katastrophe betroffen. Zwanzig Millionen Menschen seien vom Hungertode bedroht, nicht nur dieses Jahr, sondern auch nächstes Jahr. Infolge des Hungers mähten Krankheiten die geschwächten Menschen nieder. Alle diese Schläge fielen auf Sowjetrussland in einem Augenblick, wo es erschöpft und so gut wie ruiniert sei. Die kapitalistischen Staaten und Regierungen, so heißt es in dem Aufruf weiter, werden jetzt versuchen, die Hungersnot in Russland dazu zu benutzen, um ihre Angriffe auf Sowjetrussland unter der Maske der Wohltätigkeit zu reorganisieren.

Die Hilferufe zur Linderung der Hungersnot kamen von vielen Seiten. Selbst der sowjetische Parteichef Lenin richtete Appelle an die Arbeiter der Industrienationen. Große Gebiete an der Wolga – fast doppelt so groß wie das damalige Deutschland – waren von der Missernte des Jahres 1921 betroffen. Fast 30 Millionen Menschen hungerten, Cholera, Typhus und Ruhr grassierten, Wintersaat für das kommende Jahr fehlte. Auch aus Skandinavien kam große Hilfe. Der norwegische Polarforscher und Diplomat Fridtjof Nansen reiste nach Moskau, um dort die Organisation der internationalen Hilfskomitees zu koordinieren. In Berlin formierte sich am 12. August die „Internationale Arbeiterhilfe“. Zu den Gründungsmitgliedern zählten in Deutschland unter anderen Käthe Kollwitz, Clara Zetkin, Albert Einstein, Maximilian Harden, Heinrich Vogeler, in England George Bernhard Shaw, in Frankreich Anatole France.

Mittwoch, 10. August 1921, Abend-Ausgabe

Eine vierte Internationale?

Nach dem Bericht der Berliner „Kommunistischen Arbeiterzeitung“ erklärte der Zentralausschuss der kommunistischen Arbeiterpartei, dass der Bruch mit Moskau grundsätzlich vollzogen sei. Die dringendste Aufgabe des revolutionären Weltproletariats sei der Aufbau einer kommunistischen Arbeiterinternationale. Eine Kommission soll die Vorarbeiten zur Herbeiführung eines Zusammenschlusses aller in Opposition zu Moskau stehenden revolutionären Parteien und Verbände leisten. Die Frage wird auf dem Parteitag in Berlin am 28. August beraten werden.

Abspaltungen von linken oder rechten Teilen der kommunistischen Bewegung in Deutschland waren seit Jahren an der Tagesordnung und werden mit der Zug um Zug größer werdenden Dominanz Moskaus weiter zunehmen. Sie haben auch für die Kulturgeschichte Bedeutung und deswegen setzen wir die Nachricht hierher. Einer der treibenden Kräfte in der genannten Sache war nämlich Franz Pfemfert, der Herausgeber der Zeitschrift „Die Aktion“, die auf die expressionistische Bewegung (Malerei, Dichtung, Musik) großen Einfluss ausübte, deren Ausdruck sie zugleich war.

Freitag, 12. August 1921, Morgen-Ausgabe

Die nordischen Sprachen an deutschen Universitäten

Eine Rundfrage, die von der Akademischen Auskunftsstelle der Universität Leipzig veranstaltet wurde, hat festgestellt, an welchen deutschen Universitäten Lektorate für Schwedisch, Norwegisch und Dänisch bestehen. Zwei Universitäten, Berlin und Greifswald, haben Lektorate für alle drei Sprachen, Jena, Göttingen und Kiel nur ein Lektorat für Schwedisch und Rostock ein Lektorat für Schwedisch und Dänisch. Die Hamburger Universität hält im Deutschen Seminar schwedische Kurse für Fortgeschrittene ab. Außerdem werden in Jena, Kiel und Leipzig Vorlesungen und Übungen über nordische Sprachen abgehalten. Keine Gelegenheit zum Studium der nordischen Sprachen bieten die Universitäten Bonn, Breslau, Erlangen, Frankfurt, Freiburg, Gießen, Halle, Heidelberg, Köln, Marburg, München, Münster, Tübingen und Würzburg. Die Lektorate und Lehreinrichtungen sind begründet worden: 1906 und 1909 in Berlin, 1917/18 in Kiel, 1918 in Rostock, 1920/21 in Greifswald, Hamburg, Jena, Göttingen. Die Lektoren sind in Berlin, Greifswald und Jena hauptamtlich, in Kiel und Rostock nebenamtlich tätig. In Hamburg und Jena werden die Übungen und Vorlesungen nebenamtlich gehalten. Zu bemerken sei noch, dass Greifswald auch ein Lektorat für Finnisch hat.

Donnerstag, 18. August 1921, Morgen-Ausgabe

Der Kardinal und das Vollbier

Es ist richtig, dass ein Likör unter dem Namen „Kardinal“ bekannt ist. Selten aber geschieht es, dass einer dieser hohen Kirchenfürsten sich selbst öffentlich mit der Frage der alkoholischen Getränke befasst. Auf dem Gedächtnistage des ehemaligen bayerischen Infanterieleibregiments in München hat nun aber der Kardinal Faulhaber einer Meldung zufolge ausgeführt:

„Leider habe München nicht geruht, bis es wie Berlin, das Vollbier bekommen habe; als ob wir jede Berliner Verrücktheit mitmachen müssten.“ Es sei doch Gottes Wille, dass jeder stand sein Fleckchen Erde bebaue, wie er wolle, und da müsse es auch den Bayern überlassen bleiben, nach Bayernart die Scholle zu bearbeiten. „Aber Bauernhöfe würden verkauft, Getreide und Futter werde außer Landes verwuchert und verschoben, und die Schule solle noch obendrein nach „preußischem Muster“ umgestaltet werden.“

Nun kann man Berlin zweifellos vieles vorwerfen. Dass man aber im Punkte des Bieres München mit schlechtem Beispiel vorangehe, diese Eine gewiss nicht. Hart doch, wie wir kürzlich berichteten, die vom Forstrat Dr. Escherich herausgegebene Schrift „Der Kommunismus in München“ als eine der Hauptursachen für die in Bayern 1918 um sich greifende Revolutionsstimmung hervorgehoben, dass „der Bayer die Verringerung der Bierration und die Verschlechterung der Qualität dieses Nationalgetränks besonders schwer empfand.“

Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952), noch heute eine populäre Figur in München, war nicht nur ein Gegner auswärtiger Getränke usw., viel wichtiger war seine Gegnerschaft gegen jeglichen Rassismus und den aufkeimenden Nationalsozialismus, dem er gleichwohl ambivalent gegenüberstand.

Mittwoch, 24. August 1921, Abend-Ausgabe

„Jedermann“ bei Fackelschein

Aus Salzburg wird uns geschrieben: Der unermüdliche Regiepoet Max Reinhardt ersann eine neue Nuance, um den „Jedermann“-Aufführungen auf dem Domplatz eine verstärkte Wirkung zu sichern: er veranstaltete zum Schluss dieser Saison noch eine abendliche Darstellung der Legende, und der Eindruck war unbedingt mindestens so nachhaltig wie an den Nachmittagen. Besonders deswegen, weil sich, getreu den Weisungen der Dichtung gemäß, die Vorladung und die Läuterung Jedermanns in den Dämmer- bzw. Abendstunden vollzog. Vielleicht ward die Gastmahlsszene dadurch, besonders durch die etwas zu geräuschvoll arbeitenden Scheinwerfer, zu sehr ins Theatralische gezerrt, aber mit dem Erscheinen des Todes kam echtestes mittelalterliches Legendengruseln auf, und gar über den eigentlichen Bekehrungsszenen des Schlusses lagerte der volle Mystizismus der Kirche. Moissi wuchs an diesem Abend fast ins Übersinnliche empor …

Alexander Moissi (1880-1935) gehört unzweifelhaft zu den größten Schauspielern der deutschsprachigen Bühne. Jahrelang war er der überragende Jedermann in Reinhardts Inszenierung. Noch länger dabei war Frieda Richard (1873-1946). Sie stellte die Mutter Jedermanns von 1920 bis 1937 dar. Frieda Richard und Reinhardt kannten einander seit ihrer Wiener Studienzeit. Der Wiener Theaterwissenschaftler Franz Hadamowsky, der sich in seiner Jugendzeit als Theaterkritiker bekannt gemacht hatte, schrieb über sie die kongenialen Zeilen: „Sie war nicht schön; eine kaum mittelgroße, gebeugte, auf einen Stock gestützte Gestalt; greisenhafte Hände aus dem langen, dunklen, kuttenartigen Gewand führten den stützenden Stock und untermalten die Worte mit einfacher, spärliche Gebärde; eine altdeutsche Haube verlieh ihr etwas Weltentrücktes, Klösterliches, als Mutter wie Frau der genaue Gegensatz zur hellen, lebenslustigen Buhlschaft; wenn aber die großen Augen zu sprechen anfingen und sie ihren schmerzvollgültigen Blick auf den in Weltlust verstrickten Sohn richtete, dem sie bei aller Höflichkeit doch lästig war, da war sie das Urbild aller Mütter.“

Frieda Richard, damals eine bekannte Theater- und Filmschauspielerin, stand 17 Jahre lang mit dem Ensemble der Jedermann-Aufführungen in Salzburg auf der Bühne. Foto: Max-Reinhardt-Forschungsstätte, Salzburg

Mittwoch, August 1921, Abend-Ausgabe

AUFRUF DER REICHSREGIERUNG

In der heutigen Kabinettsitzung wurde der folgende Aufruf der Reichsregierung beschlossen:

Schon seit geraumer Zeit erfüllt es die Reichsregierung mit Besorgnis, dass die öffentlichen Sitten in Deutschland immer mehr in Verfall geraten und die Grundlage von Reich und Staat zu erschüttern drohen. In einer Zeit, in der alle Kräfte der Nation daran gesetzt werden müssten, die moralischen, sozialen und wirtschaftlichen Schäden des Krieges zu heilen, geht eine schamlose Agitation ans Werk, die politischen und staatlichen Fundamente zu untergraben, auf denen sich der Neubau des Deutschen Reiches erheben soll. Die Sprache der Presse, welche diesen unheilvollen Bestrebungen dient, wird von Tag zu Tag eindeutiger. Sie zeigt, dass der Plan gewissenloser Elemente und Gruppen, die den gewaltsamen Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung betreiben, in weitere Kreise des Volkes getragen werden soll. Offen und in rohester Form wird in deutschen Organen und in Versammlungen zu Gewalttaten an politischen Gegnern, ja zu Mord aufgefordert.

Augenscheinlich halten die Führer dieser Bewegung die Zeit für gekommen, in der die Ziele nicht mehr verschleiert zu werden brauchen, sondern offen bekannt werden dürfen. Die deutsche Regierung wird von dieser Bewegung als ein Klüngel unfähiger, schwächlicher und undeutscher Politiker dargestellt, deren Beseitigung patriotische Pflicht sei. Neben und in den Parteien, die in parlamentarischer Opposition stehen, gewinnen in letzter Zeit Organisationen, Vereine und Persönlichkeiten an Bedeutung, die aus Hass gegen die demokratisch-republikanische Staatsform offen zur Verachtung der Verfassung und Übertretung der Gesetze auffordern.

Die Not des Vaterlandes macht es zur doppelten Pflicht, mit harter Hand diesen Kreisen teils gewissenloser, teils verblendeter Elemente entgegenzutreten.

Am 26. August 2021 wurde der ehemalige Finanzminister Matthias Erzberger von rechtsgerichteten ehemaligen Offizieren im Schwarzwald während eines Spaziergangs aus nächster Nähe angeschossen und ermordet. Die Täter fliehen ins Ausland. Am 29. August verhängt der Reichspräsident den Ausnahmezustand über Deutschland und erlässt Notverordnungen zum Schutz der Republik. Auch das Erscheinen von Zeitungen wurde verboten. Der Freistaat Bayern akzeptiert diese Anordnungen allerdings nicht. Erzberger war führend tätig bei den Verhandlungen über die Friedensresolution von 1917, der Unterzeichnung des Waffenstillstandes 1918, der Annahme des Friedensvertrages. Als Finanzminister führte er 1919 die größte jemals in Deutschland durchgeführte Steuerreform durch. All das machte ihn zur Zielscheibe der rechtsgerichteten Presse.

Foto: DN

Sonnabend, 7. August 1971

Heute Abend soll „Apollo 15“ landen

Mit stetig wachsender Geschwindigkeit näherte sich das amerikanische Raumschiff Apollo 15 mit den Astronauten David Scott, James Irvin und Alfred Worden gestern weiter der Erde. Wenn alles nach Plan verläuft, wird die Kapsel heute Abend um 21.46 Uhr (MEZ) im Landegebiet 540 Kilometer nördlich von Hawaii wassern. Dort wird die Bergungsflotte mit dem Hubschrauberträger „Okinawa“ an der Spitze bereitstehen.

Mittwoch, 11. August 1971

„Dantons Tod“ von Georg Büchner, von John Wells neu ins Englische übersetzt und bearbeitet, wurde in der Aufführung der National Theatre Company vom Londoner Publikum begeistert aufgenommen.

Die Regie hatte Jonathan Miller, einer der bekanntesten Theater- und Opernregisseure Englands, der im vergangenen November gestorben ist. Er war Chef des Royal National Theatre wie auch des Old Vic in London. Georg Büchner, heute Schulstoff auch am Apenrader Gymnasium, wurde mit seinen Schriften und Dramen eigentlich erst in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bekannt und berühmt erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Das erklärt auch seine späte Rezeption im Ausland. „Dantons Tod“ erschien in Dänemark als Buch erst 1973, herausgegeben und kommentiert von Dansklærerforeningen. Auf die Bühne wurde es aber offenbar in dänischen Landen nie gebracht. Anders „Woyzeck“, der 1964/65 in Aarhus auf die Bühne kam, allerdings nur drei Aufführungen erlebte.

Sonnabend, 14. August 1971

Bettwäsche gestohlen

Apenrade. Aus einem Aushängeschrank des Geschäfts von Arnold Hansen an der Gehstraße wurden in der Nacht zu gestern mehrere Laken und Bettbezüge gestohlen.

Wir setzen diese Nachricht hierher, weil sehr oft dergleichen Lokal-Neuigkeiten in den Spalten unserer Zeitung – wie auch heute noch – erscheinen. Sie sind notwendig und sollen nicht kleingeredet werden. Diebstahl oder Verlust von Füllfederhaltern, Kaninchen, Geldbörsen, Fahrrädern, Regenschirmen, Ausweisen usf. tauchen immer wieder auf. Das Verfallsdatum dieser Nachrichten ist allerdings beschränkt, und zwar mit der Beendigung der Lektüre. Etwas dauerhafter wäre die Nachricht, wenn der Füllfederhalter dem damaligen Amtsbürgermeister gehört hätte, der Regenschirm dem Polizeimeister, das Kaninchen der Thronfolgerin. Mit dem Hinweis auf die Bettlaken soll dieser besonderen Nachrichten-Sparte für dieses Jahr Genüge getan sein.

Bettwäsche konnte man damals seit über einem Jahrhundert in der Innenstadt von Apenrade erwerben. Die Anzeige stammt aus einem Stadtführer von 1891. Foto: DN

Dienstag, 17. August 1971

Was eine gute Zeitung bringen muss

Middelfart. Eine gute Zeitung müsste aus 15 Prozent Unterhaltung, aus 25 Prozent Nachrichten, aus zehn Prozent Parteipolitik, aus 15 Prozent Kulturstoff, aus 15 Prozent Sport, zehn Prozent Leserbriefen und zehn Prozent Hintergrundstoff bestehen, meinte Direktor Bent Ranning, Odense, Montag im Rahmen der Kulturwoche der Konservativen Volkspartei auf Hindsgaul. In einer Arbeitsgruppe wurde dazu gefragt, welches Massenmedium man am Besten entbehren könne. Die Mehrheit war bereit, auf den Rundfunk zu verzichten, zwei Teilnehmer meinten, am Besten ohne fernsehen auskommen zu können. Nur ein Teilnehmer wollte die Zeitung entbehren.

Bent Ranning, Journalist und Verlagsdirektor, schrieb oft eine „kronik“ für „Politiken“, die dann von Bo Bojesen, dem bekannten Zeichner aus Apenrade (Buchhändlersohn, heute „bog & ide“ in der Gehstraße) illustriert wurde.

Freitag, 20. August 1971

Zum 275. Mal „Jedermann“

Zum 275. Mal wird Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ am kommenden 22. August während der Salzburger Festspiele aufgeführt. Mit Alexander Moissi in der Hauptrolle dieses Stücks, die er von 1920 bis 1931 insgesamt 69 mal spielte, hatten die Festspiele am 22. August 1920 ihren Anfang genommen. Rollennachfolger waren Paul Hartmann, Raoul Lange, Paul Hörbiger, Ewald Balser, Will Quadflieg, Walter Reyer und Ernst Schröder.

Wir verweisen auf die Meldungen vom 2. August 1921 und vom 24. August desselben Jahres.

Dienstag, 24. August 1971

An der anlässlich des 400jährigen Jubiläums der Sonderburger Schifferinnung stattfindenden Veteranen-Regatta am 28. August wird auch das Dampfschiff „Alexandra“ der Flensburger Fördereederei teilnehmen. Neben Segelschiffen, Kuttern und Jollen wird das im Jahr 1908 auf der Hamburger Werft „Janssen und Schmilinsky“ gebaute Passagierschiff, das mit einer Geschwindigkeit von zwölf Knoten rund 550 Personen befördern kann, auf die fünf Seemeilen lange Rennstrecke gehen. Wenn auch niemand damit rechnet, dass die „Alexandra“ einen Preis für Schnelligkeit erringen wird, so gilt doch als sicher, dass sie an Ausdauer und Zuverlässigkeit von keinem modernen Konkurrenten übertroffen werden kann.

Das Dampfschiff Alexandra in der Kieler Förde Foto: VollwertBIT

Donnerstag, 26. August 1971

Dänische Presse in der Krise

Die Tagespresse hat schlechte Leiter. Das ist eine der Ursachen der finanziellen Schwierigkeiten der Tageszeitungen. Diesen Standpunkt vertraten in einer Diskussion im Journalistenverein in Kopenhagen der Vorsitzende des Journalistenverbandes, Vagn Fleischer Michaelsen, sowie „Børsen“-Chefredakteur Erik Rasmussen.

Wie sie weiter ausführten, ist versäumt worden, den leitenden Personen eine ordentliche Ausbildung zu geben. Sie sind weder für Zeitungswirtschaft noch für Führungspositionen überhaupt geeignet. Daher müssten die Verleger und die Journalisten gemeinsam Fortbildungslehrgänge veranstalten. Es muss ferner so sein, dass die obersten Chefs der Zeitungen aus den Kreisen der Journalisten rekrutiert werden.

Fleischer Michaelsen nannte die Entlassungen innerhalb der sozialdemokratischen Presse eine Katastrophe. Zur Situation im einzelnen meinte er, dass die einzelnen Zeitungen so stark expandieren, dass die Hosen nicht mehr halten.

Chefredakteur Erik Rasmussen verwies darauf, dass sich die finanzielle >Lage der Zeitungen seit 1965 von Jahr zu Jahr verschlechtert hat. Die Anzeigeneinnahmen sind stark gefallen. Die Presse ist eine im Rückschritt befindliche Branche. Die Auflagenzahlen weisen Stagnation oder Rückgang auf.

Seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird redaktionelle Pressearbeit in Dänemark vom Staat unterstützt. Dieses Modell führte in Schweden dazu, dass 1971 - vor 50 Jahren – ein eigenes Gesetz zur Presseförderung verabschiedet wurde. Die Reform des dänischen Förderungsgesetzes von 2013 hat allerdings nicht verhindern können, dass die Papierausgabe unserer Zeitung eingestellt wurde. Aber immerhin: die seit Jahrzehnten geltende Förderung hat in Dänemark dazu geführt, dass - um nur ein Beispiel zu nennen - eine große Zahl wenn auch meist kurzlebiger Zeitschriften das Kulturleben in unserem Land erheblich bereicherte und noch bereichert.

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