Leitartikel

„Man muss sich mit seinen Feinden treffen“

Man muss sich mit seinen Feinden treffen!

Man muss sich mit seinen Feinden treffen!

Kopenhagen
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Am Mittwoch starb der ehemalige Oberrabbiner Bent Melchior. Walter Turnowsky würdigt einen Mann, der selbst mit „den größten Idioten“ den Dialog suchte. 

Das in der Überschrift angeführte Zitat stammt nicht vom Autor dieser Zeilen. Es stammt von dem ehemaligen Oberrabbiner Bent Melchior, der am Mittwoch im Alter von 92 Jahren verstorben ist.

Im Jahr 2016 gab es eine erhitzte Debatte über die Grimhøjmoschee in Aarhus. Den Imamen, die dort predigten, wurde vorgeworfen, Hass vor allem auch gegen Juden zu verbreiten.

Bent Melchior sagte in dem Zusammenhang zu der ehemaligen Politikerin Özlem Cekic, es nütze nichts, immer nur über sie zu sprechen, Cekic solle das Gespräch mit den radikalen Islamisten suchen.

Die Muslimin lehnte zunächst ab, weil sie befürchtete, ihr würde Antisemitismus vorgeworfen werden.

„Nicht wenn ein Jude dabei ist“, lautete Melchiors spontane Antwort. Gesagt, getan. Im Gespräch mit den Vertretern der Moschee war er dann humorvoll und freundschaftlich im Ton, aber eindeutig in der Sache.

Die Situation war bezeichnend für den immer engagierten Melchior. Seine Maxime war: Es nütze nichts, mit seinen Freunden über Frieden zu sprechen; man müsse mit seinen Feinden reden.

Bent Melchior mit Özlem Cekic – gemeinsam haben sie den Verein Brobyggerne (Die Brückenbauer) gegründet, der den Dialog fördern soll. Foto: Rasmus Flindt Pedersen/Ritzau Scanpix

Geprägt war er da wohl auch von seiner eigenen Biografie. Bereits als 14-Jähriger ist er nur knapp der Deportation durch die Nazis entkommen.

Orthodox und liberal

Bei ihm hat das nicht zu Verbitterung geführt, im Gegenteil. Freunde und Bekannte beschreiben ihn als freundlich und humorvoll und vor allem: immer gesprächsbereit.

Im Glauben neigte er zu einer eher konservativen Auslegung der Religion, er war orthodoxer Jude. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, ein glühender Anhänger liberaler und demokratischer Werte zu sein. Für ihn gab es da keinen Gegensatz.

Zwischen der jüdischen Minderheit und der dänischen Mehrheitsbevölkerung empfand er ebenfalls keinen Widerspruch, sondern bestand zeitlebens darauf, dass das Jüdische integrierter Teil der dänischen Gesellschaft sei.

Gefestigte Überzeugungen

Entsprechend war Melchior ein engagierter Mitbürger, der sich für eine ganze Reihe von Belangen einsetzte. Ein Leitfaden war dabei sein Einsatz gegen Antisemitismus, der ihn dann auch gegen Islamophobie aufbegehren ließ. Dabei wusste er wohl besser als viele, dass auch in muslimischen Kreisen Antisemitismus verbreitet ist.

Melchior wusste, wo er steht, und hatte daher kein Problem damit, selbst mit „den größten Idioten“ den Dialog zu suchen, wie es der Chefredakteur von „Weekendavisen“, Martin Krasnik, formuliert.

Als ein islamistischer Terrorist 2015 die Synagoge in Kopenhagen angriff und den Wächter Dan Uzan ermordete, bestand Melchior darauf, wir müssten Wege finden, damit wir alle hier leben könnten.

Wer allerdings die Toleranz des ehemaligen Oberrabbiners mit Nachgiebigkeit verwechselte, der wurde schnell eines Besseren belehrt. Gerade bei kontrovers geführten Diskussionen meldete er sich gern zu Wort, nicht selten hat er sie selbst angestoßen.

Dabei war häufig der Humor sein schärfstes Argument. Der Autor Bo Lidegaard erzählt, Melchior sei im Zuge einer Debatte über Antisemitismus in Migrantenmilieus gefragt worden, ob er sich noch traue, in seinem Viertel Nørrebro seine Kippa zu tragen. Er sei nun so alt und krummgebeugt, dass es egal sei: Man erkenne ihn mit oder ohne die jüdische Kopfbedeckung, lautete seine Antwort.

Seit Bekanntwerden seines Todes haben Freunde, Bekannte und Kommentatoren zu Recht Melchiors Einsatz für die dänische Gemeinschaft gewürdigt.

Das Leben und Wirken von Bent Melchior gibt uns die Anleitung dafür, wie wir sein Andenken am besten in Ehren halten können.

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