Leitartikel

„Marktlücke oder Venstre-Tradition? Ellemann zeigt Flagge für Europa“

Marktlücke oder Venstre-Tradition? Ellemann zeigt Flagge für Europa

Marktlücke oder Venstre-Tradition? Ellemann zeigt Flagge

Apenrade/Aabenraa
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Der ehemalige Offizier Jakob Ellemann-Jensen legt Wert auf Präzision und Zuverlässigkeit. Dennoch gilt er vielen als ungeeigneter Leader der kriselnden Volkspartei Venstre. Cornelius von Tiedemann findet es interessant, dass Ellemann sich jetzt als außenpolitischer Gegenentwurf zu Mette Frederiksen aufbaut.

Venstre hat ein Problem. Und das Problem heißt Wähler. Denn in den traditionellen Wählerhochburgen der rechtsliberalen Partei, die immer auch für die vielen in und mit der Landwirtschaft Beschäftigten da war, werden häufig die Augen verdreht, wenn die Sprache auf den Vorsitzenden Jakob Ellemann-Jensen kommt.

Das hat nicht nur damit zu tun, dass er als Sohn der bekannten Journalistin Alice Vestergaard und des noch bekannteren ehemaligen Außenministers Uffe Ellemann-Jensen aus sogenanntem guten Hause im wohlhabenden (und konservativen) Norden Kopenhagens stammt und als erfahrener Wirtschaftsjurist keinen Wert darauf legt, wie sein Vorgänger Lars Løkke Rasmussen auf volksnah zu machen. Aber auch.

Dabei ist Ellemann durchaus nicht der Hallodri vom Strandvejen, für den ihn manche offensichtlich halten. Er hat vor der Karriere in Wirtschaft und Politik mit dem Ausgangsort Kaserne Sonderburg auch beim Militär Karriere gemacht, war etwa als Offizier in Bosnien in verantwortungsvoller Mission im Einsatz und gilt als Mensch, der auf Präzision und Zuverlässigkeit Wert legt.

Bei wenigen Spitzenpolitikern haben wir es dennoch bisher erlebt, dass ihnen von der eigenen potenziellen Wählerschaft so einhellig die Führungskompetenz abgesprochen wird. Ob er nun wirklich so untauglich ist oder nicht, ist da fast schon zweitrangig. Selbst Menschen, die von seinen politischen Überzeugungen wenig wissen, meinen zu wissen, dass er einer ist, der die Partei nicht (zusammen-)führen kann.

Dabei hat Ellemann etwas, was die derzeitige Regierungschefin nicht hat: den Blick nach außen. Und Mut zur Lücke.

Während Mette Frederiksen stets um den Eindruck bemüht ist, alles im Griff zu haben, denkt Ellemann hin und wieder länger nach, bevor er antwortet – und bittet gelegentlich gar ganz offen um Rat.

Zugleich ist Frederiksen vor allem darum bemüht, den viel zitierten „Zusammenhalt“ in Dänemark (wieder) herzustellen – auch, indem das Nationale betont und allem, was von außen kommt (zum Beispiel Menschen) mit Skepsis begegnet wird.

Ellemann hingegen spricht internationalen Klartext – in Bezug auf die EU, die Nato und die Rolle Dänemarks in der Welt.

In einem Interview mit der Tageszeitung „Politiken“ wagte er sich diesbezüglich kürzlich erstmals ganz deutlich vor. Dabei sprach er aus, was der rechte Flügel seiner Partei und alle, die ihn für unfähig halten (was eine ziemlich große Schnittfläche darstellen dürfte) längst ahnten: Er ist ein überzeugter Europäer.

Doch angesichts der Tatsache, dass die meisten Menschen in Dänemark das auch sind, ist dieses Bekenntnis taktisch vielleicht gar kein dummer Schachzug.

Warum? Weil die traditionell bürgerlichen Themen wie „Werte“ (also die Abteilung Tradition, Folklore und Stereotype) sowie Integrationspolitik (Abteilung Sündenbock) mittlerweile von den Sozialdemokraten besetzt werden. Ellemann will also mit Venstre jetzt in den von den großen Parteien ungedeckten Raum der internationalen Perspektiven vorstoßen.

Er hat seinen Hebel gefunden, mit dem er Frederiksen vom Thron stürzen will.

Frederiksen, sagt Ellemann, isoliere Dänemark in der EU. Er hingegen, so seine Message an die Wählerinnen und Wähler (zumindest den Teil, der die traditionell EU-optimistische „Politiken“ liest): Europäische Zusammenarbeit ist keine Bürde, sondern ein essenzieller Teil der Zukunft Dänemarks und seines Wohlstandes.

Im bürgerlichen Lager steht er mit solchen Aussagen derzeit fast allein da. Sein konservativer Kollege Søren Pape Poulsen hält sich mit visionären Äußerungen dieser Art vornehm zurück – was ihn seinerseits zum Traumpartner der Rechtsaußen-Parteien macht.

Es dürfte also spannend werden, wo Ellemann Venstre strategisch im Folketing positionieren will. Sowohl für den Fall, dass es ihm doch noch gelingt, mit seiner nun festgelegten Linie die Vielen hinter sich zu bringen, die zugleich Europa und bürgerliche Politik wollen, als auch für den Fall, dass Venstre zum kleinen Zünglein an der Waage rechts der Radikalen verkümmern sollte.

Egal, wie – anerkennenswert ist die klare Kante, die Ellemann zeigt, allemal. Er vertrete die traditionelle Venstre-Linie, sagt er – nicht die Linie derer, die Inger Støjberg nachweinen.

Ziemlich selbstbewusst für einen, dem sämtliche Führungsqualitäten abgesprochen werden. Ob er seinen klaren Kurs halten wird, und ob Ellemann alte Wählerinnen und Wähler damit zurückholen oder neue gewinnen kann, ist eine andere Frage.

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