Deutscher Botschafter

„Ihr duzt euch ja alle“

„Ihr duzt euch ja alle“

„Ihr duzt euch ja alle“

cvt/Ritzau
Kopenhagen
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Andreas Meitzner in seinem Büro in der Botschaft in Kopenhagen. Foto: Ólafur Steinar Gestsson/Ritzau Scanpix

Fahrräder, die direkte Anrede und gutes Essen: Deutschlands Botschafter in Dänemark spricht im Sommerinterview der Nachrichtenagentur Ritzau über seine Eindrücke aus dem kleinen Königreich.

Manchmal kann auch das Naheliegende überraschen. So im Falle des Diplomaten Andreas Meitzner, der in seiner Laufbahn viel herumgekommen ist und dabei Kulturen und Denkweisen kennenlernte, die sich deutlich von der dänischen unterscheiden. 2017 ging es dann für ihn als Botschafter nach Kopenhagen.

Der 62-jährige Aachener berichtet im Sommerinterview der Nachrichtenagentur Ritzau von seinen ersten zehn Monaten im Lande und von den Überraschungen, die Dänemark für ihn bereithielt.

Wen oder was zeigen Sie vor, wenn sie Besuch aus Deutschland haben?

Kopenhagen. Hier gibt es so viel zu sehen und zu erleben. Ich habe Gäste, die drei oder vier Tage lang einfach durch die Stadt gehen und die vielen Dinge erleben. Auch nach Kronborg in Helsingør und zum Dom in Roskilde habe ich Gäste mitgenommen.

Was verbindet das dänische und das deutsche Volk?

Es gibt mehrere Ähnlichkeitspunkte. Zum Beispiel Fernsehen und Film. Die Krimiserie Tatort ist in Dänemark sehr populär und in Deutschland sind wir verrückt nach der Olsenbande und neuen Fernsehserien wie Broen. Und da ist die Gastronomie. Ich genieße Torvehallerne. Ihr habt viele gute Restaurants, wo experimentiert wird. Es wird hervorragendes Essen gemacht. Das haben wir auch in Deutschland. In Berlin wird viel experimentiert und ich weiß, dass dänische und deutsche Köche zusammenarbeiten.

Was verwundert sie an Dänemark?

Dass alle „du“ sagen. Das geht in Deutschland nicht. Ich weiß, dass die Du-Form sich in vielen Ländern mehr und mehr ausbreitet, aber in Dänemark gibt es praktisch niemanden mehr, der noch „sie“ sagt. In Deutschland duzt man sich, wenn man sich kennt. Zwei junge Menschen, die einander nicht kennen, können auch per du sein, aber sonst ist es normal, dass man sich siezt.

Was passiert in Dänemark, was es in Deutschland nie geben würde?

Ich war auf dem Folkemøde auf Bornholm. Gewöhnliche Menschen treffen Politiker und andere, die sie sonst nur im Fernsehen sehen. Unter entspannten Rahmenbedingungen. Das könnte in Deutschland auf diese Weise nicht passieren. Deutsche Politiker versuchen durchaus, herauszufinden, wie sie näher an gewöhnliche Menschen herankommen können. Einige sprechen sogar vom „Raumschiff Berlin“, um den gefühlten Abstand zwischen Politik und Bevölkerung zu beschreiben. Viele Politiker veranstalten Treffen in ihren Wahlkreisen, aber es gibt kein wirkliches Modell wie das, was ich auf Bornholm erlebt habe.

Was hat sie überrascht, als sie nach Dänemark gezogen sind?

Die vielen Fahrradfahrer mit eigenen Wegen und Brücken. Ganz anders als in Berlin, wo ein Radfahrer auf den Straßen mehr kämpfen muss. Und dann die Architektur. Eine Mischung aus Neuem und Altem, die wir nicht vielerorts sehen. Es gibt viel Abwechslung. In Berlin sind in den vergangenen 20 Jahren viele Wohnblocks gebaut worden, die einander ähneln. Deutsche Architekten und Architekturstudenten kommen auch nach Dänemark, um sich inspirieren zu lassen.

Wenn sie eine Überschrift verfassen sollten, die Dänemark beschreibt, wie sähe die aus?

Hygge + Jantelov + Innovation = Glück. Ihr habt eine Wohlfahrtsgesellschaft, über die ihr froh sein könnt. Zugleich gibt es im ganze Land viel Innovation. Das ist eine gute Mischung. In Messungen landet Dänemark auch als eines der glücklichsten Länder. Ich glaube, dass liegt auch daran, dass der Unterschied zwischen Reich und Arm nicht so groß ist wie in vielen anderen Ländern. Ihr seid ein sehr homogenes und tolerantes Land.

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Leitartikel

Volker Heesch
Volker Heesch Hauptredaktion
„Lebendige Geschichte“