Leitartikel

„Achtung, Verkehrs-Kultur“

Achtung, Verkehrs-Kultur

Achtung, Verkehrs-Kultur

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Siegfried Matlok thematisiert in seinem Leitartikel die mentale Verrohung im Straßenverkehr – und richtet einen Appell an die Vernunft.

Verkehr ist Leben, hieß es früher. Mobilität war Freiheit, aber die Mobilität auf unseren Straßen stößt heute an ihre Grenzen – nicht nur aufgrund der stetig gewachsenen Blechlawinen. Seit Jahren ist eine gefährlich gewordene Verkehrskultur zu beobachten, und wer auf den oft verstopften Autobahnen südlich oder nördlich der Grenze fährt, erlebt nicht selten eine Aggressivität, der dringend Einhalt geboten werden muss.

Mehrfach waren Todesfälle zu beklagen, wo durch rücksichtloses Rasen das Leben anderer ausgelöscht wurde. Auch in Kopenhagen. Und in dieser Woche ereignete sich ein Unglück auf Langebro, wo ein Wahnsinniger durch zu hohe Fahrt mit Tempo 150 einen Unfall verursachte, der sieben Autos umfasste und leider sogar das Leben eines 35-jährigen Polizeibeamten kostete, der Frau und einen zweijährigen Sohn hinterlässt.

Der junge Fahrer flüchtete, wurde aber wenig später gefasst. Er erklärte sich zwar unschuldig, sitzt jedoch nun unter dringendem Tatverdacht in Untersuchungshaft. Besonders grausam am Rande: Es gibt eine dänische Facebook-Gruppe mit etwa 10.000 Mitgliedern unter dem Namen „Taberne fra Politiet“, die im Netz den toten Polizisten verhöhnt hat und sich offen über „eine Pestilenz weniger“ gefreut hat.

Unglaublich – diese mentale Verrohrung in der Gesellschaft, die sich auch bei anderen Verkehrssituationen zeigt, wo die Nerven blank liegen. Zum Beispiel, wenn Rettungsgassen verweigert werden und wenn das Personal von Polizei und Unfallwagen bei seinen Einsätzen beschimpft und bespuckt wird. Untersuchungen der Havariekommission bei Verkehrsunfällen haben übrigens ergeben, dass sich unter den 27 Rasern nur eine Frau befunden hat und dass mehr als die Hälfte aller Fahrer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren gewesen sind.

Was tun? Es handelt sich hier ja nicht um ein dänisches Phänomen. In Deutschland hat man jetzt sozusagen die Notbremse gezogen: Zwei sogenannte Kudamm-Raser wurden kürzlich in Berlin erneut wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie hatten im Februar 2016 bei einem illegalen Straßenrennen auf dem Kurfürstendamm einen unbeteiligten Autofahrer getötet, als ihr Audi bei roter Ampel in einen Jeep krachte, dessen Fahrer ums Leben kam. Solche harten Strafen hat es bisher in Dänemark (noch) nicht gegeben. Zweifelsohne sind Strafen allein nicht abschreckend, aber wenn man sich die Urteile dänischer Gerichte bei Verkehrsdelikten mit tödlichem Ausgang anschaut, dann ist schon höchst verwunderlich, wie wenig ein Menschenleben bedeutet – auch im Vergleich zu anderen schweren Strafdelikten. Und leider sind die Perspektiven im Straßenverkehr alles andere als günstig, ja eher traurig. In Deutschland hat man in jüngster Zeit mehrfach registriert, dass Hochzeiten auf der Autobahn mit einem Korso von Wagen gefeiert werden, die die Fahrbahnen blockieren, um Hochzeitsfotos machen zu können! Man braucht kein Prophet zu sein, um auch für Dänemark bald ähnliche Szenen vorherzusagen.

Gesellschaftliche Appelle an die Vernunft, gerne. Aufklärung wäre aber noch besser, denn diese traurige Entwicklung muss gestoppt werden. Nur, schwierig genug in einer Zeit, da die Freiheit des Einzelnen offenbar jenes Korrektiv, jene Ergänzung vermissen lässt, die immer wichtiger erscheint: Die Mitverantwortung für den anderen, die nicht nur im Verkehr immer häufiger auf der Strecke bleibt.

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