Leitartikel

Die Anderen sind Schuld

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Aufmärsche wie in Chemnitz gibt es in Dänemark nicht. Foto: Odd Andersen/AFP/Ritzau Scanpix

Wenn wir die Prämisse akzeptieren, dass Einwanderung, Ausländer und der Respekt vor kulturellen Unterschieden Schuld an den Problemen sind, die Menschen haben, die zu den Verlierern der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung gehören, dann geben wir dem Unrecht aus Bequemlichkeit nach, meint Cornelius von Tiedemann.

Durch die furchtbaren Ereignisse in Chemnitz ist Deutschland mal wieder in den Schlagzeilen auch in Dänemark – und debattiert wird vor allem über den Umgang mit Neonazis, mit der Rechtsaußen-Partei AfD und den sogenannten „besorgten Bürgern“, die bei Hassdemos mitlaufen und sich nicht gehört fühlen.

In Dänemark wird dann häufig, wie auch in der Kritik an Schweden, darauf verwiesen, dass es solche Probleme in Dänemark nicht gebe, weil es die Dänische Volkspartei gibt und weil diese voll in die öffentliche Debatte einbezogen werde. Das würde das Land befrieden. Und die Analyse stimmt. Doch ihre Folgen sind fatal.

Denn dabei wird geflissentlich übersehen, dass die Partei es so in Dänemark sehr schnell geschafft hat, die Deutungshoheit zu übernehmen. Sie hat, viel cleverer als es die AfD in Deutschland macht, sich radikal von Neonazis distanziert, sich ein Saubermann-Image zugelegt und zieht gnadenlos die Opfer-Karte, wenn jemand auf die Idee kommen sollte, sie auch nur in die Nähe eines Nazi-Vergleiches zu bringen.

Durch schlaue politische Schachzüge ist DF so seit Jahren, ja, Jahrzehnten, das Zünglein an der Waage der dänischen Politik. Die Rhetorik in Dänemark ist hart. Und für Einwanderer und ihre Nachfahren hat sich das Klima dadurch hierzulande deutlich verändert. Einwanderer aus weiter entfernten Kulturkreisen sind hier schlicht nicht mehr als diejenigen willkommen, die sie sind. Sie sollen sich assimilieren. Kulturelle Vielfalt wird nicht gefeiert, sondern gefürchtet – und wenn das Handschüttel-Gesetz erlassen wird, sogar für Neudänen verboten.

Die Dänische Volkspartei hat, wie alle Nationalisten, die einfache Formel, nämlich die, dass es eine Gruppe gibt, die an fast allem Schuld ist: Ausländer. Damit ihnen kein Rassismus vorgeworfen werden kann (der heute wissenschaftlich längst als Irrsinn widerlegt ist, zumal es gar keine unterschiedlichen menschlichen Rassen gibt), berufen sich die Nationalisten heute auf die Kultur. Das ist ein deutlich diffuserer Begriff und eine Kategorie, in der es schwer ist, wissenschaftlich zu argumentieren. Die politischen Gegner der Nationalisten schießen sich nur immer wieder selbst ins Bein, wenn sie zum Beispiel DF heute noch Rassismus vorwerfen. Das Spiel hat sich längst auf ein anderes Feld verlagert.

Natürlich haben Menschen aus, sagen wir, den Niederlanden, eine Kultur, die der dänischen ähnlicher ist, als die der Menschen aus Jordanien oder Botswana. Natürlich braucht es in vielen Fällen länger, einen Menschen aus Mogadischu in die dänische Gemeinschaft zu integrieren (ohne ihm dabei seine kulturelle Identität als Mensch mit zwei Heimaten zu verbieten), als einen aus Oslo.

Dass darüber überhaupt diskutiert wird, ist reine Zeitverschwendung. Doch: Wenn wir die Prämisse akzeptieren, dass Einwanderung, Ausländer und der Respekt vor kulturellen Unterschieden Schuld an den Problemen sind, die Menschen haben, die in Regionen, Stadtteilen oder Umfeldern leben, die zu den Verlierern der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung gehören, dann geben wir dem Unrecht aus Bequemlichkeit nach. Aus der Bequemlichkeit, den sozialen Frieden um den Preis der Gerechtigkeit, des Anstandes wahren zu wollen.

Die Analyse, dass es Ausländer sind, die die gesellschaftlichen Probleme in Ostdeutschland, in Nordjütland und Nordschleswig verursachen, ist schlichtweg falsch. Natürlich gibt es teils eklatante Integrationsprobleme. Es gibt Banden und Ehrenmorde. Diese sind aber nicht für das Sterben ganzer Regionen verantwortlich. Und schon gar nicht solcher Regionen, in denen es fast keine Einwanderer gibt.

Das Gegenteil ist der Fall. Regionen mit besonders hohem Einwanderungsanteil, die Großstädte, die Wirtschaftsmetropolen wie Hamburg, Frankfurt und München und auch Kopenhagen, sie ziehen Einwanderer an und profitieren in hohem Maße von kultureller Vielfalt, persönlicher Ausdrucksfreiheit und dem daraus entstehendem Engagement – und, ja, auch von Billiglöhnen und der Bereitschaft vieler Einwanderer, Arbeiten zu übernehmen, die kein Deutscher oder Däne mehr machen will.

Es ist bedauerlich, dass sich die schlichtweg falsche Analyse, dass Ausländer Schuld an unseren Problemen sind, immer weiter durchsetzt. Und es ist noch bedauerlicher, dass sich dieser Lüge aus Bequemlichkeit und Machtgier nicht deutlich von der politischen Klasse widersetzt wird.

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