Leitartikel

„Einseitige Grenzöffnung“

Einseitige Grenzöffnung

Einseitige Grenzöffnung

Nordschleswig/Sønderjylland
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Das deutsch-dänische Grenzland ist zurück auf der Landkarte von Staatsministerin Mette Frederiksen. Spät hat sie die Herausforderungen der Grenzregion anerkannt – und dann doch nicht, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Nachdem sie wochenlang die Grenzregion kaum erwähnt hat und auch nicht auf die Herausforderungen des dortigen Zusammenlebens eingegangen ist, gab es Freitag endlich anerkennende Worte von Staatsministerin Mette Frederiksen – und die Aussicht, dass das Grenzland ab 15. Juni wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehren kann. Allerdings nur einseitig.

Dänemark sei ein offenes Land und wolle den Tourismus, sagte Frederiksen, die dies aber wochenlang nicht signalisiert hat und dadurch nicht nur Frust in der dänischen Tourismusbranche erntete, sondern auch einen erheblichen Imageschaden bei deutschen Urlaubern erreicht hat. Offenheit sieht anders aus – auch wenn man die Grenzen schließen muss.

Zumal die Grenzöffnung vom Freitag eine einseitige Grenzöffnung ist: Dänen dürfen ab 15. Juni wieder nach Deutschland einreisen – um einzukaufen, Freunde zu besuchen oder einfach ins Café zu gehen. Deutsche können dagegen nur nach Dänemark, wenn sie als Touristen einreisen, die mindestens sechs Übernachtungen gebucht haben. Oder sonst zu den Ausnahme-Einreisenden gehören (Kinder/Eltern, Sommerhausbesitzer, Angestellte, Geschäftsreisende etc.)

Das trifft die nordschleswigsche Tourismusbranche hart, denn während der Grenzhandel für Dänen wieder auf vollen Touren laufen kann, kommen keine Tagestouristen, Campinggäste, Bootsbesitzer, Radfahrer oder Wanderer aus Deutschland.

Dabei erwähnte Mette Frederiksen erstmals das deutsch-dänische Grenzland, lobte das Zusammenleben zwischen Mehrheit und Minderheit und drückte Verständnis dafür aus, dass das Zusammenleben in der deutsch-dänischen Grenzregion während der Corona-Krise besonders gelitten habe. Das Grenzland sei ein Vorbild für die ganze Welt, und sie wolle in der Grenzregion wieder zurück zur Normalität, damit man dort so leben könne, wie man es gewohnt sei.

So die Worte. Doch die Entscheidungen vom Freitag sorgen eben nicht für ein normales Grenzlandleben. Im Gegenteil. Es wurde eine einseitige Öffnung ab 15. Juni beschlossen, und die ist nur durch erheblichen Druck – vonseiten der Opposition, der Wirtschaft und aus dem Grenzland – entstanden.

Ein klein wenig Hoffnung gibt eine Formulierung in der Handhabung der Grenzregeln durch die Polizei. Darin steht: Der Alltag im Grenzland zwischen Dänemark und Deutschland soll soweit möglich normalisiert werden.

Vielleicht ist ja für das deutsch-dänische Grenzland doch noch mehr drin, denn weitere zwei Monate ohne ein normales Zusammenleben im Grenzland, das ist schwer vorstellbar – und aus einem gesundheitlichen Aspekt auch gar nicht nachvollziehbar.

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