Leitartikel

Freiheit und Zwang

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Foto: dpa/(Symbolfoto)

Die Staaten der Europäischen Union stehen kurz davor, es in den Mitgliedsstaaten obligatorisch zu machen, dass Väter sich an der Elternzeit beteiligen müssen. Aus Dänemark kommen sofort Aufschreie, schließlich weiß man hier – wie überall anders auch – alles besser als im Rest Europas, meint Cornelius von Tiedemann.

Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union stehen kurz davor, sich auf etwas zu einigen, das der dänischen Regierung so gar nicht passt. Pech für sie: Die dänischen Vorbehalte in der Zusammenarbeit greifen dabei nicht.

Was die EU-Länder wollen? Dass Väter in Zukunft, wenn die Familie einen Anspruch auf Elternzeit haben will, auch in Elternzeit gehen müssen, anstatt die gesamte Elternzeit den Müttern zu überlassen.

Aus Dänemark kommen sofort Aufschreie, schließlich weiß man hier (das hat Dänemark, es ist paradox, mit allen anderen EU-Ländern gemein) alles besser als im Rest Europas. Minister Troels Lund Poulsen selbst sagte es am Mittwoch zu Ritzau: Es gebe eine Reihe von EU-Ländern, die nicht dieselben Wohlfahrtsbedingungen wie Dänemark hätten und die deshalb solche Regelungen anscheinend bräuchten.

Tatsächlich greift die Problematik tiefer, vor allem für solche Politiker, die einer politischen Ideologie folgen, also zum Beispiel dem Libertarismus oder dem Sozialismus.

Natürlich macht ein Minister einer bürgerlichen Regierung beim Thema Familie auch immer Wertepolitik. Bürgerliche – von neoliberal bis erzkonservativ – haben, geht es um die Familie, eine Haltung gemeinsam: Die Gesellschaft (also der Staat bzw. die EU) soll sich möglichst heraushalten.

Eine interessante Betrachtung dabei ist derweil, wie intensiv sich gerade die bürgerlich-libertäre Regierung in Dänemark in das Familienleben sozial schwächer gestellter Bürger einmischt – und wenn diese dann noch einen Einwanderungshintergrund haben, ist die Kontrolle fast schon über-sozialdemokratisch zu nennen. Diese Unterscheidung zwischen den Menschen in Gentofte und Vollsmose riecht nach Doppelmoral.

Denn während in (hoffentlich) guter Absicht mit Zwang dagegen vorgegangen wird, dass sich junge Menschen in sozial schwachen Stadtteilen der dänischen Gesellschaft nicht mehr zugehörig fühlen, wird, spitz formuliert, in Weißenghettos im Kopenhagener Speckgürtel eine elitäre Jugend herangezüchtet, die dank Privatschule und Aupair-Bedienung jegliche soziale Bodenhaftung zu verlieren droht. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft, den dänische Politiker so gerne beschwören, wird er nun gefördert oder gefährdet, wenn je nach Abstammung und Wohnort unterschiedliche Maßstäbe angesetzt, Ideologien ein- und ausgeschaltet werden?

Und zum Thema, Länder, die solche Regelungen anscheinend brauchen: In Dänemark übernehmen Männer nur 10 Prozent der Elternzeit. In Deutschland sind es 22 Prozent, in Schweden 27, in Island 30 Prozent.

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