Leitartikel

„Geld für die Zukunft“

Geld für die Zukunft

Geld für die Zukunft

Apenrade/Aabenraa
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Cornelius von Tiedemann thematisiert in seinem Leitartikel die Freizeitordnungen in Dänemark – und das Problem, dass nicht alle Kinder an ihnen teilnehmen können.

Kinder sollen miteinander spielen und lernen – ungeachtet ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft und der damit verbundenen Einstellungen, Erwartungen, vielleicht auch Vorurteile ihrer Eltern. Das kostet Geld – doch das muss es uns wert sein.

Gute Möglichkeiten für Kinder, nach Schulschluss Freundschaften zu pflegen oder zumindest den sozialen Anschluss zu halten und die sozialen Kompetenzen zu schulen, sind die „SFO“ genannten Freizeitordnungen. Die bietet auch der Deutsche Schul- und Sprachverein (DSSV) in Nordschleswig flächendeckend an.

Leider ist es in Dänemark insgesamt derzeit so, dass nicht alle Kinder in den Genuss dieser Freizeitordnungen kommen. Besonders finanzschwache Familien, in denen die Mütter keine oder nur eine schwache Anbindung an den Arbeitsmarkt haben, nutzen die Freizeitmöglichkeit für ihre Kinder selten, zeigt eine Analyse des „Bureau 2000“ für die Gewerkschaft FOA.

Ja, es gibt Zuschussregeln – doch die kommen zuallererst Alleinerziehenden zugute. Wenn der Vater im Niedriglohn-Bereich arbeitet und die Mutter keine Anbindung an den Arbeitsmarkt hat, wie es bei Familien mit Migrationshintergrund keineswegs überwiegend, aber auch nicht selten der Fall ist, dann wird das Geld für die SFO manches Mal gespart. Die Mutter kann sich ja um das Kind kümmern.

Doch die elterliche, meist mütterliche Fürsorge, so gut sie gemeint ist, in Dänemark kann sie zu einer doppelten Falle werden. Denn während in manchen Kulturkreisen die (erweiterte) Familie der Kern des Soziallebens ist, ist dies in Dänemark nicht unbedingt so. Hier ist das Soziale in gewisser Weise institutionalisiert.

Das bedeutet für die Kinder, die eine dieser Institutionen, die SFO, nicht mitmachen, dass ihnen ein Teil der gemeinschaftlichen „dänischen“ Erfahrung fehlt – und immer fehlen wird. Ob sie nun aus einer finanzschwachen nicht religiösen dänisch- oder deutschstämmigen Familie kommen oder aus einer gläubigen hinduistischen Familie, die aus Sri Lanka eingewandert ist und sich hierzulande zurechtfinden muss.

Und die Falle für die Eltern, meistens die Mütter: Sie binden sich an die Kinderbetreuung und verpassen so möglicherweise Chancen, sich, so wie es politisch und gesellschaftlich von ihnen erwartet wird, am Arbeitsmarkt umzutun, sich fortzubilden und aktiv in die Gesellschaft außerhalb der Familie einzutauchen.

Wenn diese Gesellschaft auch in Zukunft zusammenhängen soll, muss jetzt Geld in die Hand genommen werden. Damit alle mit dem gleichen Erfahrungsschatz aufwachsen können. Damit Rollenmuster aufgebrochen werden. Damit es niemanden gibt, der nicht dazugehört.

Kinder können nichts dafür, dass wir keine Arbeit finden, dass wir an Traditionen aus unserer Heimat festhalten, die hier so nicht funktionieren, oder dass wir es Menschen aus anderen Ländern möglichst unattraktiv machen wollen, nach Dänemark einzuwandern.

Alle, die hier sind, sollten die gleichen Chancen bekommen, sonst verbauen wir uns unsere eigene Zukunft, riskieren eine zerrüttete Gemeinschaft, in der dann wieder auf die angeblich so gescheiterte Integration geschimpft wird.

Gerade eine sozialdemokratische Regierung sollte das begreifen – und entsprechende Maßnahmen ergreifen.

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