Leitartikel

„Mit Köpfchen“

Mit Köpfchen

Mit Köpfchen

Apenrade/Aabenraa
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Ob Pflicht oder nicht: Wer Köpfchen hat, der setzt sich mit Helm aufs Rad, meint Cornelius von Tiedemann. Zumindest solange, bis die Sicherheit für die Radfahrer auch auf dem Lande hergestellt ist.

Fahrradhelme trugen früher nur Kinder. Wenn überhaupt. Zu meiner Schulzeit machten wir uns über knallbunte Fahrradhelm tragende Kinder als Außerirdische, als Marsianer und dergleichen lustig.

Obwohl ich in meinem Leben viel Rad gefahren bin, habe ich nie ernsthaft überlegt, mir einen Helm dafür aufzusetzen. Bis jetzt. Und das, obwohl gar nichts passiert ist. Oder vielleicht gerade weil gar nichts passiert ist.

Als ich neulich (nicht etwa aus sportlichem Antrieb, sondern mit dem Ziel Hotdog-Bude) eine etwas längere Fahrradtour unternahm, geriet ich mit dem Vorderrad in einen Riss im Straßenbelag – und konnte nur durch sagenhaftes Geschick einen spektakulären Sturz abwenden. An mir vorbei rauschte ein deutsches Ehepaar mit bunten Helmen auf den Köpfen.
Und ich dachte nicht: blöde Außerirdische! Sondern: Jetzt kaufe ich mir auch so ein Teil.

Die Zahl der schweren Kopfverletzungen im Straßenverkehr geht seit Jahren in Dänemark zurück. Weil die Menschen Fahrradhelme tragen.

Sollte man deshalb die Bürger dazu zwingen, einen Helm zu tragen, sobald sie sich auf ein Fahrrad setzen?

Es gibt sehr gute Gründe dafür. Und einer von ihnen wiegt am schwersten: Wer einen Helm trägt, verringert das Risiko, schwer zu verunglücken, enorm. Im Auto müssen wir uns ja auch anschnallen.
Nicht, weil wir dann andere nicht gefährden, sondern um uns selbst zu schützen.

Das Problem: Wenn wir das Radfahren problematisieren, den Helm zur Pflicht machen, könnte das einige davon abhalten, sich mal eben auf den Drahtesel zu setzen, statt das Auto zu benutzen. Das befürchten jedenfalls Kritiker der Helmpflicht. Damit würden sich die Menschen dann weniger bewegen, ihre Gesundheit würde leiden, und der gesamtgesellschaftliche Schaden wäre höher als durch einige Radunfälle mit schweren Kopfverletzungen. Auch würden Fahrer mit Helm mehr riskieren und so potenziell mehr Verletzungen entstehen.

Das ist natürlich eine ziemlich zynische Rechnung, weshalb sie so nicht gelten darf. Doch drehen wir den Spieß mal um: Warum ist es denn so gefährlich, Radfahrer zu sein? Weil in Dänemark aller Vorreiter-Radwege in und um Kopenhagen, aller Rad-Highways auf Alsen zum Trotz vielerorts keine wirklich sicheren Alternativen zur Straße für Radfahrer bestehen.

Ja, wir sind im siebten Fahrradhimmel, verglichen mit vielen Gegenden in Deutschland. Aber viele Strecken hier bei uns auf dem Lande sind wirklich gefährliche Pisten, die sich Radfahrer mit Autos und Lkw teilen müssen. Jetzt im Sommer geht das ja noch, aber wenn es stürmt und regnet und dunkel ist – dann ist das schon manchmal ein ganz unheimliches Abenteuer.

Deshalb ist noch wichtiger als eine Helmpflicht, dass verkehrspolitisch umgedacht und Radfahrer bevorzugt behandelt werden. Auch auf dem Lande.
Ja, wir brauchen hier gute Autostraßen, weil wir so weit auseinander wohnen, dass vieles eben nur motorisiert zu schaffen ist. Aber derzeit gibt es in einigen Orten ja gar keinen Anreiz, das Rad zu nehmen, weil bestimmte Strecken mit dem Rad einfach ein besonders für Gelegenheitsradler, Kinder und nicht mehr ganz so rüstige Senioren zu hohes Risiko sind. Die Kommunen müssen noch deutlicher priorisieren.

Denn gegen einen Bein- oder Armbruch hilft auch ein Helm nicht. Eine sichere Fahrrad-Infrastruktur und eine Aufwertung des Radfahrers als politisch und haushaltstechnisch ernst genommener und gleichwertiger Verkehrsteilnehmer aber könnten viele Unfälle vermeiden.

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