Leitartikel

„Unter uns“

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Apenrade/Aabenraa
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Wer vom nordischen Wohlfahrtsstaat schwärmt, der muss sich auch immer klarmachen, dass die Wirtschaftspolitik in den nordischen Ländern schon immer von einem erlauchten Kreis, zu dem auch schwerreiche Kapitalisten gehören, wenn nicht gelenkt, so doch „aufmerksam begleitet“ wurde, meint Cornelius von Tiedemann.

Kannst du einfach so in den Autoladen gehen und einen brandneuen Toyota Aygo kaufen? Ohne Kredit? Dänemarks reichster Bürger kann das. Und zwar genau 493.333-mal nacheinander, zum dänischen Preis, wenn man den Medienberichten über das Ausmaß seines Vermögens glaubt, mal davon ausgeht, dass sein Vermögen „flüssig“ ist – und ein wenig rechnet. Um diesen unvorstellbaren Reichtum noch vorstellbarer zu machen: Würde man diese Toyotas der Länge nach am Straßenrand aneinanderreihen, lückenlos wohlgemerkt, würden sämtliche Autobahnen zwischen Apenrade und Belgrad, Stoßstange an Stoßstange, mit kleinen Aygos mit dänischen Nummernschildern dran vollstehen. Achteinhalb Stunden würde man brauchen, um den Autopark mit einer Cessna zu überfliegen. So viel Geld hat ein einziger Mann in Dänemark.

Da der Verfasser dieser Zeilen von sich und seinem näheren Umfeld mit Sicherheit sagen kann, dass dort nicht ganz so viel Kapital vorhanden ist, darf, mit aller nötigen Vorsicht, die Annahme als einigermaßen gesichert gelten, dass es in Dänemark also soziale Unterschiede, ja, Ungleichheit, gibt. Zugegeben, das Beispiel ist etwas plakativ. Und nun ist das ja auch nichts Neues. Wer vom nordischen Wohlfahrtsstaat schwärmt, der muss sich auch immer klarmachen, dass die Wirtschaftspolitik in den nordischen Ländern schon immer von einem erlauchten Kreis, zu dem auch schwerreiche Kapitalisten gehören, wenn nicht gelenkt, so doch, sagen wir mal „aufmerksam begleitet“ wurde.

Die Übereinkunft: Diese Elite steckt mehr oder weniger direkt die ökonomischen Rahmenbedingungen, sorgt dafür, dass Arbeitsplätze geschaffen werden und bekommt im Gegenzug diverse Anerkennungen und Zugeständnisse. Die Arbeiter und Angestellten erhalten durch starke Gewerkschaften und Konsenspolitik weitreichenden Einfluss auf ihre eigenen Arbeitsbedingungen, und durch Wohlfahrt und Bildung werden sie nicht nur zufrieden gestellt, sondern auch in die Lage versetzt, die Wirtschaft nachhaltig wettbewerbsfähig zu halten. Und aufzusteigen – möglicherweise sogar in die sogenannte „Elite“. Die Wirtschaftselite, die Bildungselite, die politische Elite und so weiter.

Das hat lange reibungslos funktioniert, auch weil es in Dänemark als unfein galt, Unterschiede zu sehr zu betonen. Die Einführung des Duzens war stärkster Ausdruck dieser Entwicklung. Doch in letzter Zeit häufen sich Berichte, wonach die Dinge aus dem Gleichgewicht zu geraten scheinen. Eine aktuelle Studie (wir berichteten) zeigt zum Beispiel, dass Kinder, die gemeinsam mit Kindern aus „ressourcenschwachen“ Familien im Kindergarten spielen, später etwas schlechtere Schulnoten bekommen und ein wenig weniger Geld verdienen. Bricht unsere Gesellschaft etwa auseinander?

Teile der Elite und vor allem aber diejenigen, die gerne zur Elite gehören wollen, distanzieren sich in der Wahrnehmung vieler mehr und mehr vom „Rest“ und symbolisieren, dass sie einer dezidierten Oberschicht angehören (wollen). Das wird durch die Wahl des Kindergartens, der Schule, des Wohnviertels, der Kleidung und der immer größer werdenden Autos zum Ausdruck gebracht. Und auch der „Rest“ wiederum distanziert sich seinerseits und gebraucht das Wort Elite inzwischen als Schimpfwort. Intellektuelle, Politiker, Unternehmer, Kopenhagener: alle doof.

Dabei sollte allen klar sein, vor allem den Politikern der staatstragenden Parteien, die diese Stimmungen gerne für Kampagnen nutzen: Durch das Schimpfen auf Sündenböcke, seien es „die da oben“, die „Fremden“ oder sonstwer, wird die Lücke, die sich aufzutun droht, nur größer. Und unüberbrückbarer. Ja, wer seine Kinder von einem Kindergarten abzieht, weil dort zu viele „falsche“ Kinder hingehen, sollte sich überlegen, ob es für sein Kind wirklich das Beste ist, fern der Realität aufzuwachsen – und ob er sich somit nicht schuldig macht, das vielbemühte „Dänemark, wie wir es kennen“, aufzugeben. Doch wer mit Wut auf die „Elitären“ reagiert, wenn er hört, dass sie sich absondern, sollte sich überlegen, ob es nicht konstruktivere Wege gibt, dieser Veränderung zu begegnen, als alles in Frage zu stellen, was uns dahin gebracht hat, dass die sozialen Unterschiede in Dänemark so klein sind wie fast nirgendwo anders auf der Welt.

Es soll ja auch möglich sein, sich für mehr Ausgleich, Zusammenhalt, Chancengleichheit und Mitbestimmung einzusetzen, ohne gleich Feindbilder zu bemühen. Auch wenn nun wirklich niemand 493.333 Toyotas braucht ...

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