Leitartikel

„Vielfalt ohne Abwechslung“

Vielfalt ohne Abwechslung

Vielfalt ohne Abwechslung

Apenrade/Aabenraa
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Lokale Pflanzen, die in Mooren, auf wilden Wiesen und Weiden und auf Heideland wuchsen, sind zu großen Teilen verschwunden. Die neue „Vielfalt“ in der dänischen „Natur“ gleicht der in den Gartencentern am Stadtrand, meint Cornelius von Tiedemann.

Wer hätte das gedacht: In Dänemark gibt es heute tatsächlich mehr Pflanzenarten als noch im 19. Jahrhundert. Können die Naturschützer also einpacken und wir beruhigt so weitermachen, wie gehabt? Nein. Denn durch die neuen Arten in Dänemark ist leider keine neue Vielfalt entstanden, auch wenn das zunächst paradox klingen mag. Und deshalb muss wieder mehr echte Natur her.

Forscher am Biologischen Institut der Uni Kopenhagen haben die Flora in verschiedenen Regionen Dänemarks von heute mit historischen Verzeichnissen abgeglichen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die 14 untersuchten Regionen seither immer mehr einander angeglichen haben. Es gibt also weniger „lokale Spezialitäten“. Stattdessen haben sich verwilderte Gartenpflanzen im ganzen Land ausgebreitet. Die schiere Menge an unterschiedlichen Pflanzen hat sich also erhöht – wobei die lokale Abwechslung zugleich verlorengegangen ist.

Die Gegend um Tondern zum Beispiel, berichten die Biologen, ähnele heute Lolland oder Seeland viel mehr als noch vor 140 Jahren.

Die Natur folgt damit dem allgemeinen Trend. Früher gab es ja auch überall vorwiegend Kneipen und Restaurants mit lokalen und regionalen Spezialitäten. Heute sind die Ketten und die dem Massengeschmack angepassten Gastronomien in der absoluten Überzahl. Vielleicht gibt es heute mancherorts gar ein größeres Angebot und längere Speisekarten als früher. Aber dafür ist dieses große Angebot so ziemlich in allen Orten gleich – oder zumindest sehr ähnlich.

Ein Grund dafür, dass wir die Abwechslung in der Natur verloren haben, ist, dass wir schlicht kaum noch Natur im eigentlichen Sinne in Dänemark haben. Mit weitem Abstand ist Dänemark das naturärmste Land in der EU. Denn: Landwirtschaftlich genutzte Flächen gelten nicht als Natur. Und auch, wenn die Küstenlinien weitgehend geschützt sind: Der weite Horizont täuscht darüber hinweg, dass es sich um einen wundervollen, aber in Wahrheit nur sehr schmalen Naturstreifen handelt.

Lokale Pflanzen, die in Mooren, auf wilden Wiesen und Weiden und auf Heideland wuchsen, sind zu großen Teilen verschwunden. Die neue „Vielfalt“ in der dänischen „Natur“ gleicht der in den Gartencentern am Stadtrand. Das kann auch sehr schön sein. Ist aber Ausdruck für einen Verlust, der uns bereits zu schaffen macht und noch mehr zu schaffen machen wird: Durch den Verlust von richtigen Naturflächen verlieren wir Flora, die Lebensort für heimische Arten wie Bienen, gewisse Käfer oder Schmetterlinge ist. Die verschwinden mit den lokalen Arten und werden, so die Forscher, nicht in gleichem Maße in der neuen Flora heimisch.

Ein ganzer Kreislauf ist also empfindlich gestört, denn ohne die Insekten finden viele andere Tiere schwerlich Nahrung, werden viele Pflanzen nicht bestäubt, werden organische Substanzen nicht abgebaut, und so weiter. Wir können das in unserer bequemen neuen Welt ignorieren – und vielleicht sogar eines Tages irgendwie technisch überwinden. Doch soll so unser Fortschritt aussehen?

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