Grenzland-Serie 2020

An der alten Grenze florierte der Schmuggel

An der alten Grenze florierte der Schmuggel

An der alten Grenze florierte der Schmuggel

Jens Nygaard/ Flensborg Avis
Ripen/Ribe
Zuletzt aktualisiert um:
Die dänischen und deutschen Wachen standen oft direkt nebeneinander. Die Gespräche wurden normalerweise auf Deutsch geführt, da die Deutschen nur in den seltensten Fällen des Dänischen mächtig waren. Foto: FLA

Viele Waren fanden ihren Weg am Zoll vorbei über die alte Grenze an der Königsau – und dies ungeachtet der Tatsache, dass auf beiden Seiten Gendarmen patrouillierten. Auch Menschen versuchten immer wieder, diese Grenze ungesehen zu passieren, unter ihnen dänisch gesinnte Nordschleswiger, die man in deutsche Uniformen gezwungen hatte.

Grenzland-Serie 2020

1920-2020. Wir sind weit gekommen im deutsch-dänischen Grenzland seit der Grenzziehung vor 100 Jahren. Aus dem Gegeneinander zwischen Deutschen und Dänen ist ein Miteinander und ein Füreinander entstanden.

Doch wie ist es dazu gekommen? Was passierte damals in unserem Grenzland, wie verlief die Abstimmung, und was waren die Folgen? Wie veränderten die Weltkriege die Stimmungslage zwischen Deutsch und Dänisch, und wie haben wir uns danach wieder genähert?

Die vier kooperierenden Grenzlandmedien „JydskeVestkysten“, „Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag“, „Flensborg Avis“ und „Der Nordschleswiger“ haben eine 15-teilige Serie zu diesem wichtigen Ereignis geschrieben. Diese erscheint bis zum 2. April jeden Donnerstag.

1920-2020. Das sind 100 Jahre Grenzlandgeschichte. gn

Anfang Januar 1865 – also vor nunmehr 155 Jahren – trafen sich in Ripen drei Männer. Vor ihnen lag eine Aufgabe, der man vielerorts im Landesteil mit Bangen entgegenblickte. Bei den Dreien handelte es sich um den dänischen Major von Schöller, den preußischen Major von Stedingk und den österreichischen Oberstleutnant von Poppenheim. Sie waren Mitglieder der internationalen Grenzregulierungskommission. Ihre Aufgabe bestand darin, den Verlauf der neuen Grenze abzustecken. War es doch nach dem Frieden von Wien beschlossene Sache, dass Dänemark nach dem verlorenen Krieg von 1864 den größten Teil Nordschleswigs abtreten musste. Obgleich den Bewohnern von Heilsminde im Osten und Ripen im Westen bereits mitgeteilt worden war, ob sie fortan zu Dänemark oder Preußen gehören würden, war die Sorge groß, dass kleinere Justierungen in letzter Minute dazu führen könnten, dass man künftig unter Preußens und nicht unter Dänemarks Herrschaft käme.

Unruhe in den Dörfern

Ende Januar herrschte daher in den kleinen Ortschaften Bastrup und Holte Unruhe. Die Einwohner fürchteten, dass ihre Dörfer im Tausch gegen ein kleines Gebiet bei Ripen den Preußen zufallen könnte. Diese Sorge sollte sich indes als unbegründet erweisen. Statt ihrer mussten die Einwohner der kleinen Ortschaft Skoverup dran glauben. Dort waren zuvor dänische Soldaten einquartiert worden – in den Augen der Dorfbewohner ein sicheres Zeichen dafür, dass ihr Dorf auch künftig zu Dänemark gehören würde. Als aber die kleine Kommission nach Skoverup kam, wurde schnell klar, dass die Grenze nördlich der kleinen Ortschaft verlaufen würde. „Die Folgen waren Tränen und Trauer bei den 87 Bewohnern“, schreibt P. Eliassen in seinem Buch aus dem Jahre 1926 „Kongeåen – eller den gamle grænse”. Das Dorf entsandte eine Deputation zur Audienz bei dem dänischen König Christian IX. Auch diesem standen angesichts der Umstände die Tränen in den Augen, doch waren ihm die Hände gebunden, wobei es paradox ist, dass es just dieser König gewesen war, der aufgrund seines Versagens während der Konferenz von London die Hauptschuld daran trug, dass die neue Grenze soweit nördlich verlaufen sollte.

Dies wiederum ahnten die Bewohner von Skoverup damals nicht. Sie hatten lediglich zu wissen bekommen, dass Dänemark von einer militärischen Übermacht, bestehend aus Preußen und Österreich, überfallen worden war – und dass sie nun für die Untaten der Deutschen zu büßen hatten.

Ein deutscher Grenzwächter neben einem Grenzpfahl. Das Bild stammt womöglich aus dem Jahr 1917. Bemerkenswert ist, dass der ursprüngliche Grenzpfeiler aus Holz durch einen Pfahl aus Granit ersetzt worden ist. Foto: Arkiv.dk

Grenzpfeiler

Der erste Grenzpfeiler wurde draußen an der Nordsee an der südlichen Grenze der damaligen Gemeinde Vester Vedsted Sogn eingeschlagen. Am Pfahl mit der Nummer 22 machte die Grenze einen Knick gen Norden und erreichte bei Nummer 54 die Königsau. Von dort aus verlief die Grenze erneut ein wenig südlich, dann wieder östlich – bis zum Grenzpfeiler Nummer 128, der an der Südseite der Bucht von Heilsminde stand. Die Holzpfähle verrotteten bereits nach wenigen Jahren und wurden peu à peu durch Pfeiler aus Granit ersetzt. 1920 waren alle Grenzpfähle aus Granit.

Dass die Grenze vornehmlich dem Lauf der Königsau folgte, hatte bei dem preußischen König Wilhelm I. für einige Verwirrung gesorgt. War dieser doch der Auffassung gewesen, dass die romantische Bezeichnung zugleich das Gebiet benannte, wo die Macht des dänischen Königs endete. Dabei war der Name einst im Volksmund entstanden, weil dort die Grenze zwischen den Herzogtümern und dem übrigen Dänemark verlaufen ist und die Steuer an den König zu entrichten war. Die Herzogtümer waren damals seit vielen Hundert Jahren ein Teil Dänemarks. In früheren Zeiten hieß der Wasserlauf Kolding Å.

Schmuggeln – ein Leichtes

Dänemark war damals vor allem von der Landwirtschaft geprägt. Zu den wichtigsten Exportgütern gehörte der Viehhandel. Obgleich sich die Bauern an ihren neuen König, der ein holpriges Dänisch sprach, gewöhnt hatten, waren sie nicht sonderlich erpicht darauf, bei der Ausfuhr ihrer Tiere Zoll an diesen zu entrichten. Das Gleiche galt für jene, die verschiedenste Waren aus dem Süden einführten. Sie kamen nach der Waffenruhe am 1. August 1864 zunächst glimpflich davon, da es in den Irrungen und Wirrungen jener Zeit kaum Kontrollen gab. „Ein Ochsenhändler, der ein Tier ausführen wollte, pachtete einfach eine kleine Wiese an der Königsau, trieb seine Ochsen dorthin und ließ sie in einem günstigen Augenblick über die Au spazieren“, schreibt P. Eliassen. Seinen Angaben zufolge wurden allein von September bis Oktober 1864 auf diese Weise zwischen 2000 und 3000 Ochsen geschmuggelt.

Foto: shz

Ein Wagen mit 50.000 Zigarren

Auch umgekehrt herrschte reger Handel. Das war vor allem dem Umstand geschuldet, dass die dänischen Zöllner in der Regel keine preußischen oder österreichischen Krankentransporte oder Militärfahrzeuge anhalten durften, die von mindestens vier Pferden gezogen wurden. Dies wiederum nutzten vornehmlich österreichische Offiziere aus, unter anderem um Tabak, Zucker und Kaffee aus dem Süden einzuschmuggeln. In einem Fall ging dies einem dänischen Zollbeamten gegen den Strich. Er hatte gesehen, dass ein Wagen über und über mit Zigarren beladen war und den Vorfall seinem Kommandanten gemeldet. Wie sich herausstellte, enthielt die Fracht 50000 Zigarren. Der österreichische Offizier wurde entlassen. Er stammte aus Holstein und war in österreichischen Diensten, weil er Dänisch sprach.

Andererseits machten auch die dänischen Zöllner keineswegs immer einen übereifrigen Eindruck. Ein Gendarm, den man „Lille Nis“ nannte, wurde angeklagt, weil er angesichts des regen Schmuggels immer wieder ein Auge zugedrückt hatte. Der Mann selbst war sich keiner Schuld bewusst: „Ich habe meine Pflicht getan, sogar dreimal gerufen ‚Haltet ein – im Namen des Königs!‘, aber sie haben sich dennoch aus dem Staub gemacht“, rechtfertigte er sich auf Nordschleswigsch.

Aufruhr

Damals wohnten in den acht Gemeinden südlich von Kolding einige wenige deutsch Gesinnte, die unter dänische Herrschaft geraten sind. Sie initiierten eine Unterschriftensammlung für Bismarck, worin sie sich gegen eine Eingliederung in Dänemark aussprachen. Lediglich 23 Unterschriften konnten sie aufbringen, was nicht gerade überwältigend war. Einer der Initiatoren hieß Fuglsang. Ihn verschlug es später nach Hadersleben, wo er eine Brauerei gründete.

In dem kleinen Dorf Bajstrup kam es fast zum Aufruhr, als zwei deutsche Gendarmen im Dezember 1864 verlangten, die Einwohner sollten die dänische Flagge entfernen, die dort gehisst worden war. Die beiden Gendarmen wurden regelrecht aus dem Dorf gejagt, was nicht ungestraft blieb. Nachfolgend versteckten die Bewohner daher die dänischen Flaggen in ihren Truhen und förderten sie nur in den eigenen vier Wänden zutage.

Ihren Humor bewahrten sie sich trotz alledem, was deutlich wurde, als die neuen Schilder mit den preußischen Adlern aufgestellt wurden. Vorlaute Bauern neckten die preußischen Zöllner mit den Worten: „Ihr handelt mit Vögeln?“

Nicht nur Tiere, auch Menschen passierten die Grenze, vor allem, nachdem die Preußen die Wehrpflicht eingeführt hatten. Die Grenzgänger ließen sich entweder unmittelbar nördlich der neuen Grenze nieder, wo es auch heute noch viele Einwohner gibt, deren familiäre Wurzeln weiter südlich liegen. Oder sie machten Nägel mit Köpfen und wanderten beispielsweise in die USA aus. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870 wollten zudem Franzosen, die aus deutscher Kriegsgefangenschaft geflohen waren, nach Dänemark. Sie schlichen sich über die Grenze und wurden wärmstens empfangen.

Eine Karte des Grenzlandes. Foto: FLA

Begehrter Branntwein

In der schwierigen Zeit der Köller-Politik, als die Unterdrückung durch die Deutschen einen neuen Höhepunkt erreichte, richtete man 1898 eine sogenannte politische Grenzwache ein. Deutsche Gendarmen notierten eifrig, wenn Bürger das Land verließen, um beispielsweise an dänischen Treffen nördlich der Grenze teilzunehmen. Es war ein Versuch, die Nordschleswiger davon abzuhalten, nach Dänemark einzureisen. Im Jahre 1892 wurde die Grenze eine Zeitlang ganz dichtgemacht, weil in Hamburg die Cholera ausgebrochen war.
Zu den Waren, die sich südlich der neuen Grenze ausgesprochener Beliebtheit erfreuten, gehörte dänischer Weinbrand. Er war nicht nur besser, sondern auch billiger als im Süden. Gewiefte Schmuggler fanden schnell einen Weg, die Flaschen einfach und nahezu ohne Risiko außer Landes zu bringen. Sie legten auf dänischer Seite die nicht ganz gefüllten Flaschen in die Taps Å und fischten sie ein wenig weiter südlich auf deutscher Seite wieder aus dem Fluss.

Die Königsau ist an vielen Stellen nicht besonders breit, sodass Schmuggler und Deserteure oftmals einfach hinüberwaten konnten. Foto: arkiv.dk

Ein stattlicher Preis

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde die Grenze nahezu unüberwindlich und Telefonleitungen unterbrochen. Erst später gab es die Möglichkeit, zensierte Telegramme zu senden. Der Grenzgang gestaltete sich zusehends schwierig. Dazu war eine Sondergenehmigung erforderlich. Auch durfte die Grenze nur an bestimmten Orten überquert werden. „Die Preise für Vieh und Pferde erreichten im Süden neue Höhen“, schreibt P. Eliassen. Dennoch sei der Export in der ersten Zeit des Krieges nicht verboten gewesen. Beispielhaft ist die Episode, die ein dänischer Bauer schilderte, der zwei Pferde an einen deutschen Käufer veräußern wollte. 800 Kronen hatte man vereinbart. Der Mann konnte es daher nicht fassen, als ihm der deutsche Kunde 1600 Kronen in die Hand blätterte. Der Bauer hatte lediglich 800 Kronen verlangt – für beide Tiere.
Immer mehr junge Männer gingen über die Grenze nach Norden. Bei ihnen handelte es sich entweder um Eingezogene, die noch keine Uniformen hatten, oder um Soldaten, die die Schrecken des Krieges bereits erlebt hatten und während ihres Heimaturlaubs die Chance der Flucht ergriffen. Einer von ihnen hatte sich über die Grenze abgesetzt, war sich allerdings zunächst nicht sicher, ob er schon auf dänischer Seite war. Daher pirschte er sich an das Fenster eines Hauses und sah, dass man dort „Kolding Avis“ las. Somit war es ganz gewiss: Der Mann war auf der richtigen Seite.

Fakten zur Grenze an der Königsau

  • Nach dem Krieg von 1864 musste Dänemark die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an Preußen und Österreich abtreten.
  • Das wurde im Rahmen des Friedens von Wien am 30. Oktober 1864 vereinbart.
  • Dabei büßte Dänemark 40 Prozent des Dänischen Gesamtstaates ein. Etwa 200.000 dänisch Gesinnte kamen somit unter deutsche Herrschaft.
  • Es gab einige königliche Enklaven. Sie wurden an Schleswig – und damit an die Deutschen – abgetreten.
  • Im Gegenzug wurden Ribe Herred, Nørre Tyrstrup Herred und Ærø dem Königreich zugesprochen.
  • Den Einwohnern in den abgetretenen Gebieten war es möglich, ihre dänische Staatsbürgerschaft zu bewahren, doch nur unter der Voraussetzung, dass „sie niemandem zur Last liegen“.
  • Erst nach dem Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye im Jahre 1919 verzichtete Österreich auf seine Rechte in Schleswig. Das Gleiche galt im Jahr danach auch für Ungarn.
Mehr lesen