Geschichte

Vor 100 Jahren Eisenbahndiebstähle vor Gericht

Vor 100 Jahren Eisenbahndiebstähle vor Gericht

Vor 100 Jahren Eisenbahndiebstähle vor Gericht

Tingleff/Tinglev
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Auf einem historischen Foto aus den Jahren der Zugehörigkeit Tingleffs zu Deutschland vor 1920 sind das Bahnhofsgebäude und Personal zu sehen. Foto: Archiv Der Nordschleswiger

Das Gericht in Flensburg verurteilte 1920 eine größere Anzahl Tingleffer zu Gefängnisstrafen wegen Beteiligung an Diebstählen und Hehlerei. Waggons waren seit 1917 auf dem Bahnhof geplündert worden.

Beim Blättern im Jahrgang 1920 der „Neuen Tonderner Zeitung“ stößt man nicht nur auf Berichte aus dem Umfeld der Volksabstimmungen in Nordschleswig und auf Familiennachrichten. Die deutsche Zeitung, die nach Übernahme der „Tondernschen Zeitung“ durch dänische Kreise das wichtigste Nachrichtenblatt im damals vor der Teilung stehenden Kreis Tondern war, brachte auch Informationen aus Tingleff, das damals zum Westküstenkreis zählte.

Zahlreiche Tingleffer schuldig gesprochen

Besonders spannend ist eine Meldung vom 21. Februar 1920. Dort wird unter der Spalte „Aus dem Kreise Tondern“ über einen Gerichtsprozess mit umfangreichen Eisenbahndiebstählen, begangen auf dem Tingleffer Bahnhof, berichtet. Zahlreiche Tingleffer wurden schuldig gesprochen und verurteilt. Wenige Tage nach der Volksabstimmung mit Mehrheitsvotum in Nordschleswig für Dänemark herrschte in beiden Abstimmungszonen Schleswig die Internationale Kommission, aber das deutsche Gericht fungierte weiter bis zur Übertragung der Souveränität über Nordschleswig an Dänemark am 15. Juni 1920.

In Tingleff stiegen viele Reisende um, die nach Anreise auf der Nord-Südverbindung Richtung Tondern und Hoyer oder nach Sonderburg weiterfuhren. Foto: Archiv Der Nordschleswiger

Knotenpunkt Tingleff

Angemerkt sei, dass Tingleff seinerzeit ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt war, denn es herrschte damals noch reger Verkehr von Tingleff aus auf der Bahn Richtung Tondern. Im Artikel steht Folgendes: „Die Strafkammer 1 in Flensburg verhandelt über umfangreiche Eisenbahndiebstähle.“

15 Angeklagte

Weiter hieß es im Artikel: „Wegen Diebstahls und Hehlerei angeklagt waren insgesamt 15 Personen und zwar: Hilfsweichensteller Heinrich Breede, Hilfsrangierer Chresten P. Schultz, Buchdruckereibesitzer Ernst Urban, Rangierführer Johs. Petersen, Schaffner Christian Langelund, Hilfsweichensteller Jes Sørensen, Bahnarbeiter Wilhelm Jacobsen, Hotelbesitzer Chr. Hinrichsen, Hilfsweichensteller Chr. Hansen, Bahnwärter Ernst Iwersen, die Ehefrauen Veronika Hinrichsen und Petra Callesen, sämtlich aus Tingleff, ferner Kesselschmied Chr. Callesen aus Tarningfeld und Bäckermeister Joh. P. Schmidt aus Behrendorf. Die beiden Ehefrauen waren nicht erschienen, während die übrigen mehr oder weniger beteiligt waren.“

Zwei „eigentliche Spitzbuben“

Zur Orientierung der Leserschaft gab es dann folgenden Hinweis:
„Die eigentlichen Spitzbuben waren Breede und Schultz. Die beiden haben seit 1917 fortgesetzt handelnd Eisenbahnwaggons bestohlen und aus denselben Eier, Spirituosen, Butter, Zigarren und Zucker in größeren Mengen an sich gebracht. Zu diesem Zweck entfernten sie die Plomben an den Wagen. Die gestohlenen Sachen wurden verkauft. Die Angeklagten Hinrichsen und Urban haben die Diebe noch halbwegs zu den Straftaten verleitet.

Hamburger Kriminalbeamte aktiv

Erst im vergangenen Jahre gelang es Hamburger Kriminalbeamten, die Sache aufzuklären und ein umfangreiches Hehlernest aufzudecken. Etwa 20 Fälle konnten den Angeklagten nachgewiesen werden. Während die beiden Hauptangeklagten geständig waren, versuchten die anderen Angeklagten, sich von Schuld reinzuwaschen. Erfolgreich gelang dies aber nur dem Bäckermeister.

Die übrigen Angeklagten wurden aber sämtlich verurteilt und zwar:
Breede und Schulz zu je zwei Jahren, sechs Monaten, Urban zu sechs Monaten, Hinrichsen zu vier Monaten, Chr. Callesen und Fr. Callesen zu je drei Wochen und die übrigen Angeklagten zu je zweiWochen Gefängnis.
Der Staatsanwalt hatte bedeutend höhere Strafen beantragt. In der Urteilsverkündung wurde zum Ausdruck gebracht, dass die Angeklagten in einer ganz unverschämten Weise gestohlen hätten.“

Das alte Tingleffer Bahnhofsgebäude, auf dem Foto die dem Ort zugewandte Seite, stammte aus den Jahren nach der Fertigstellung der Strecke Flensburg-Woyens 1864, die noch mit dänischer Konzession vom britischen Eisenbahnunternehmer Peto errichtet wurde, der auch nach Übergang Schleswigs unter preußische Verwaltung einige Jahre tätig war. Das Gebäude fiel 1957 der Spitzhacke zum Opfer. Foto: Archiv Der Nordschleswiger


Interessant ist, dass sich in der „NTZ“ einige Tage später die Herren Urban, Druckereibesitzer, und Hinrichsen, seines Zeichens Hotelbesitzer, über den Bericht über ihre Verurteilung beschwerten. Sie gaben an, keineswegs Anstifter der Diebe gewesen zu sein. Vielmehr hätten sie die Waren für gutes Geld gekauft. Sie gaben an, nach der Verurteilung Berufung einzulegen.

Was aus der Sache geworden ist, lässt sich möglicherweise durch weiteres Studium der Presse von vor 100 Jahren herausfinden. Wenige Wochen später, am 15. Juni 1920, begann auch in Tingleff ein neues geschichtliches Kapitel, auch die Justiz wurden an Dänemark übertragen. In Tingleff hatten über 60 Prozent der stimmberechtigten Einwohner bei der Volksabstimmung am 10. Februar für einen Verbleib bei Deutschland votiert.

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