Dezentralisierung

Der holprige Weg zu mehr Gleichgewicht

Der holprige Weg zu mehr Gleichgewicht

Der holprige Weg zu mehr Gleichgewicht

Kopenhagen
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Da liegt sie, die nach Augustenburg ausgelagerte Behörde: Tatjana Rode kennt als Zuzugskoordinatorin der Kommune Sonderburg die Lage. Foto: Sara Wasmund

Reiner Populismus oder dringend notwendige Schritte? In Dänemark hat das Dezentralisierungsprogramm „Dänemark im Gleichgewicht“ hohe Wellen geschlagen.

Als Dänemarks rechtsliberaler Regierungschef Lars Løkke Rasmussen 2015 ankündigte, knapp 4.000 staatliche Arbeitsplätze aus der Hauptstadt Kopenhagen auf den Rest des Landes zu verteilen, brachen zwar weder Jubelstürme noch Massenproteste aus , doch die Reaktionen waren deutlich gespalten.

Sie zeigten, wie tief der Keil zwischen Stadt und Land inzwischen in der dänischen Volksseele sitzt. Von reinem Populismus mit dem Ziel, den traditionell bäuerlichen Wählern der Regierungspartei Genugtuung zu verschaffen, war in den Meinungsspalten der linksliberalen Hauptstadtpresse zu lesen. Von längst überfälligen Maßnahmen gegen die „Kopenhagenerei“ und für mehr Gerechtigkeit schrieben die konservativen Blätter in Jütland, dem dänischen Festland, in dem der Großteil der dänischen Agrar- und Industrieproduktion zuhause ist.

Zwei Jahre später wurde die nächste Dezentralisierungswelle angekündigt – so dass es inzwischen um insgesamt rund 5.800 Jobs geht. Wieder war der mediale Aufschrei groß. Im Fernsehen wurden weinende Behördenmitarbeiterinnen gezeigt, die sich schluchzend fragten, wie sie es bewerkstelligen sollten, nicht nur mit der ganzen Abteilung, sondern auch mit der Familie aus der Hauptstadt in die aus ihrer Sicht abgelegene Provinz überzusiedeln. Zur Erinnerung: Dänemarks Kernland hat eine Fläche, die kleiner ist als die von Niedersachsen – die allerdings auch auf viele Inseln und Halbinseln verteilt ist.

In den begünstigten Kommunen war und ist die Freude über das Dezentralisierungs-Projekt hingegen groß. Das Argument, dass die Expertise zum Beispiel für Landwirtschaft in den grenznahen Städtchen Tondern und Sonderburg größer sei als in Kopenhagen, nehmen die Bürgermeister gerne in ihre Reden auf und freuen sich darüber, in ihrer Amtszeit etliche neue Arbeitsplätze entstehen zu sehen.

Zwischenstand

Nach den beiden Dezentralisierungsrunden legt sich nun so langsam der Staub. Der Zwischenstand: Nur wenige Behördenmitarbeiter sind aus Kopenhagen in die sogenannte Provinz mitgekommen. Die Kosten für die Umzüge steigen über das von der Regierung berechnete Maß, weil etliche neue Kollegen eingearbeitet werden müssen. Verbände rechnen mit schwerwiegenden Folgen etwa für die Umwelt durch Bearbeitungsstaus – Regierung und Behörden vermelden hingegen, alles weitgehend im Griff zu haben.

Während Kopenhagen Tausende Jobs verloren hat, haben die Kommunen in den ländlichen Räumen nur selten mehr als eine Handvoll neuer Arbeitsplätze abbekommen. Zu groß war die Streuung in dem Versuch, es allen recht zu machen. Einzelne Orte – siehe unsere Reportage aus der Kommune Sonderburg – sehen sich allerdings durchaus als Gewinner der Regierungsagenda.

Eine dritte Sicht der Dinge brachte derweil kürzlich der Schriftsteller Knud Romer ins Spiel. Der Sohn eines Dänen und einer Deutschen wurde mit seinem Roman „Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod“ auch in Deutschland bekannt – und drischt in einem viral gegangenen Interview-Video auf die Politik und deren seiner Ansicht nach vollkommen verfehlten Prämissen ein.

Dass es in Dänemark überhaupt eine Spaltung zwischen Stadt und Land gibt, sei darauf zurückzuführen, dass nur auf Statistiken und Zahlen Wert gelegt werde – nicht auf den einzelnen Menschen. Romer macht in seiner Tirade auch die Kommunalreform von 2007 mitverantwortlich, in deren Folge Dänemarks 271 Gemeinden zu 98 verschmolzen und die 13 Ämter durch fünf Regionen ersetzt wurden. Die Dezentralisierung ist mit der zweiten Runde „für mehr Gleichgewicht“ abgeschlossen. Der Kampf zwischen Stadt und Provinz – Romer erklärt ihn für beendet und postuliert: Es gibt nur ein Land. Kümmert Euch drum!

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Einseitige Grenzöffnung“