Leitartikel

„Von Corona, Kaninchen und Schlangen“

Von Corona, Kaninchen und Schlangen

Von Corona, Kaninchen und Schlangen

Kopenhagen
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Wir sollten aufmerksam zuhören, wenn Experten dazu auffordern, die restlichen Restriktionen fallen zu lassen, meint Walter Turnowsky. Denn wenn wir weiterhin ausschließlich auf Corona starren, könnten wir andere wichtige Probleme übersehen.

Relativ normal können wir diesen Sommer in Dänemark verbringen; insbesondere im Vergleich mit zum Beispiel Deutschland, wo noch deutlich mehr Corona-Maßnahmen zu beachten sind.

Dennoch liegt die Betonung auf „relativ“. Denn es ist nicht normal, dass man beim Betreten einer Gaststätte einen Corona-Pass vorweisen muss. Es ist auch nicht normal, dass man beim Ein- und Aussteigen in Zügen und Bussen eine Maske aufsetzen muss. Und: Zu einem normalen Sommer gehören auch Festivals.

Nun mehren sich die Stimmen, dass auch die letzten Maßnahmen fallen sollen. Dies mag angesichts der derzeit wieder rapide ansteigenden Infektionszahlen verwundern, einige vielleicht sogar beunruhigen.

„Milde Grippeepidemie“

Dennoch – oder gerade deshalb – zahlt es sich aus, den Stimmen zuzuhören, die nun für eine weitere Lockerung plädieren, denn es ist nicht irgendwer.

Da wären zum Beispiel die drei Professoren, die in „Berlingske“ dazu aufforderten, die Restriktionen nun ganz fallen zu lassen. Covid sei nicht mehr gefährlich, meint Niels Høiby, Oberarzt und Professor in Mikrobiologie an der Kopenhagener Universität und am Reichshospital. Er vergleicht die Situation mit einer „milden Grippeepidemie“.

Bemerkenswert ist, dass auch der während der Pandemie bekannt gewordene Virologe Allan Randrup Thomsen meint, der Zeitpunkt sei gekommen, die Maßnahmen aufzuheben. Er war bislang einer jener, die eher zur Vorsicht gemahnt haben.

Doch woher nehmen die Experten den Optimismus in einer Situation, wo die Anzahl der Neuinfizierten mittlerweile wieder über 1.000 liegt, die Epidemie bei einem R-Wert von 1,3 wieder Fahrt aufnimmt? Die Erklärung ist, dass dies nicht mehr die Zahlen sind, auf die wir unser Augenmerk richten sollten.

Hoher Impfschutz

Entscheidend sei – und dieser Ansicht kann man sich nur anschließen – wie viele Menschen ernsthaft an Corona erkranken. Und hier sieht es mittlerweile in Dänemark sehr gut aus. Die Anzahl der Personen, die wegen einer Ansteckung ins Krankenhaus müssen, ist gering. An etlichen Tagen werden keine Corona-Todesfälle mehr gemeldet.

Das ist auch die Ursache, weshalb sich sogar der Verband der Lungenerkrankten (Lungeforeningen) der Forderung einer Aufhebung der Restriktionen anschließt. Alle gefährdeten Menschen seien geimpft worden oder hätten eine Impfung angeboten bekommen, sagt der Vorsitzende des Verbandes, Torben Mogensen, zu „TV2“.

Und genau das ist der entscheidende Punkt: Mittlerweile haben mehr als 73 Prozent der Bevölkerung die erste Vakzination empfangen und haben somit einen teilweisen Impfschutz. Fast die Hälfte, über 47 Prozent, haben beide Impfungen erhalten.

In Deutschland ist man da noch nicht ganz so weit: Die entsprechenden Zahlen liegen bei 59 Prozent und 44 Prozent.

Eine Krankheit unter vielen

Doch hier wie dort sollten wir uns allmählich daran gewöhnen, Covid-19 als eine Krankheit unter vielen zu betrachten.

Gewiss: Es wird weiterhin Corona-Todesfälle geben – auch dann, wenn alle, die es möchten, geimpft sind. Doch es ist schließlich nicht unbedingt schlimmer, an einer Corona-Infektion zu sterben als an Krebs, einem Herzinfarkt oder einem Unfall.

Es wird nach eineinhalb Jahren Krisenstimmung nicht einfach werden, mit Covid-19 als eine ganz „normale“ Bedrohung unter vielen umzugehen. Nicht für die Entscheidungsträger, nicht für die Behörden und nicht für die oder den Einzelnen.

Doch es ist notwendig. Nicht nur, weil alles andere eigentlich nicht auszuhalten ist, sondern vor allem, weil wir andere ernste Probleme übersehen werden, wenn wir weiterhin auf Corona starren wie das Kaninchen auf die Schlange.

Denn was nützt es dem Kaninchen, sollte die wahre Bedrohung aus einer ganz anderen Richtung kommen.

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