Leitartikel

„Immer mit der Ruhe!“

Immer mit der Ruhe!

Immer mit der Ruhe!

Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:

Kopfschüttelnd blicken Deutsche und Dänen nach Schweden, wo man auf Vertrauen statt auf Aktionismus setzt. Ist es besser, wie Mette Frederiksen sagt, lieber zu viel zu tun, als zu wenig? Cornelius von Tiedemann weiß es auch nicht – vergleicht aber einmal die Gemütslage in den drei Ländern und kommt zu einem beruhigenden Schluss.

Niemand weiß wirklich, welcher Weg in der Coronakrise der komplett richtige ist. Doch wie in jeder Krisensituation gilt: In der Ruhe liegt die Kraft.

Wie unterschiedlich diese Formel interpretiert werden kann, zeigen die Regierungschefs Dänemarks und seiner Nachbarländer.

Hierzulande nutzt Mette Frederiksen die Situation erfolgreich dazu, sich als handlungsfähige Regierungschefin zu etablieren.

In Deutschland strahlt Angela Merkel im Herbst ihrer Kanzerlinnenschaft gewohnte Ruhe und fast fürsorgliche Empathie aus – und in Schweden überlässt ein politisch angeschlagener Stefan Löfven trotz allem souverän den Fachleuten das Wort.

Gemeinsamkeiten gibt es dabei einige. So hat sich Mette Frederiksen in ihrer Rede an die Nation zu Beginn der Coronakrise ganz bewusst der berühmten Merkel-Raute bedient. Einer Geste, die Besonnenheit ausdrückt.

Ob es wirklich besonnen war, Dänemark abzuriegeln, Geschäfte zu schließen und die Freiheitsrechte vorübergehend teilweise einzuschränken, wird die Geschichte zeigen. Wichtig für die Bevölkerung Dänemarks, die früher aufgrund des ihr nachgesagten Temperaments gerne als „Italiener des Nordens“ bezeichnet wurden, war aber, das ist spürbar, einmal mehr das klare Signal. Das Symbol, dass eine handlungsfähige Regierungschefin das Ruder in der Hand hält.

In Schweden sind derweil weniger drastische Maßnahmen beschlossen worden als hier. Das wiederum sorgt in Dänemark und Deutschland für Kopfschütteln, ja, Aufregung. Was bilden die Schweden sich ein, draußen herumzutollen, während wir zu Hause sitzen?

Nun. Noch sind die Zahlen in Schweden, gemessen an der Bevölkerungszahl, ganz ähnlich denen in Dänemark. Die „Preußen des Nordens“, um mal in diesen Bildern zu bleiben, sind, das ist bei aller Vorsicht vor Stereotypen nicht von der Hand zu weisen, noch immer eine Besonderheit in der Hinsicht, dass die meisten von ihnen es als ganz selbstverständlich betrachten, genau das zu tun, was der Staat, die Gemeinschaft, der „Mainstream“ vorgibt. In Schweden ist das meistens: Möglichst vernünftig sein. Deshalb passen die Schweden genausosehr aufeinander auf, wie wir es tun. Sie brauchen dazu vielleicht nur nicht so strikte Regeln.

Auch hier wird die Geschichte zeigen, ob das „Vertrauen“, von dem in Schweden derzeit immer wieder die Rede ist, gerechtfertigt ist – oder ob wir uns zu Recht Sorgen um die Nachbarn machen.

Klar ist: Es hat de facto auch in Schweden starke Eingriffe gegeben. Nur Löfven steht voll und ganz hinter den Empfehlungen der Wissenschaftler in den Behörden und richtet seine Politik strikt nach ihnen aus, die sich übrigens kaum von denen der dänischen Experten unterscheiden.

Löfven traut es sich, die Zügel aus der Hand zu geben, den Behörden, die es jetzt besser wissen, die Kontrolle zu überlassen. Vertrauen eben.

Mette Frederiksen und ihre Regierung hingegen stellen politische Motive ganz offen vor wissenschaftliche Ratschläge. Das hat sich dann leider auch in der unappetitlichen Weise gezeigt, in der Gesundheitsminister Magnus Heunicke den Chef der Gesundheitsbehörde, Søren Brostrøm, öffentlich mit falschen Anschuldigungen zurechtgewiesen hat.

Brostrøm hat dieses politische Machtspiel geradezu schwedisch-nüchtern über sich ergehen lassen – schließlich interessiert es ihn als Wissenschaftler herzlich wenig. Fast so, wie sich Angela Merkel kaum darum schert, dass sich in Bayern Markus Söder als ganz besonders eifriger Coronabekämpfer dieser Tage politisch ein wenig profilieren will.

In der Ruhe liegt eben die Kraft.

Mehr lesen

Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„21 Sekunden für eine bessere Welt“

Leserbrief

Gisela Margarete Seffel
„Wie geschaffen für den Berg“