Leitartikel

„Der kleine Unterschied“

Der kleine Unterschied

Der kleine Unterschied

Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:

Bei den Feierlichkeiten zu 100 Jahren Grenzziehung geht es auch um die Unterschiede zwischen Dänemark und Deutschland. Und darum, dass diese auch ihren Reiz haben, meint Cornelius von Tiedemann.

Das Jahr 2020, es erinnert in vielerlei Hinsicht an das Jahr 2014. Damals wurde die dänische Niederlage von 1864 groß und breit gefeiert. Wohlgemerkt von den Dänen selbst, nicht von den Deutschen. Ich rannte damals mit einem NDR-Mikrofon über die Düppeler Schanzen und sammelte sogenannte O-Töne, also Originaltöne von Menschen, die Teil jener Masse waren, die 150 Jahre nach den blutigen Ereignissen das Bedürfnis hatten, dieser zu gedenken. In Deutschland kam das vielen doch sehr merkwürdig vor.

Als 2014 vorüber war, gingen schon die Vorbereitungen auf 2020 los. Das nächste historische Ereignis stand ins Haus, und die Zahl 2020 schwebte teils wie ein Damoklesschwert über politisch Verantwortliche, Kulturmacher, Verbandsfunktionäre und Journalisten. Um die 1.000 Veranstaltungen sind angekündigt, müssen organisiert und vorbereitet (und dann auch noch abgehalten!) werden.

Und wir? Müssen wir über jede Veranstaltung berichten? Nein. Das können wir gar nicht. Und wir können es auch unseren Leserinnen und Lesern gar nicht zumuten, sie jeden Tag mit „2020“-Stoff zu bombardieren.

Wir haben uns mit unseren Kollegen von „JydskeVestkysten“, „Flensborg Avis“ und dem „Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag“ dafür entschieden, in einer eigenen Artikelserie auf die historische Bedeutung der Abstimmung von 1920 zu blicken. Ansonsten werden wir natürlich die für die Minderheit besonders relevanten Veranstaltungen begleiten.

Vor allem ist das Jahr 2020 aber auch ein Jahr zum Selbererleben, zum Mitmachen, Zuhören, Angucken. „Das muss man erlebt haben“, heißt es ja so oft. Und es stimmt. Auch wenn wir gerne von Veranstaltungen berichten, sie ankündigen und einordnen: Das Erlebnis, sich selbst schlauzumachen, selbst dabei zu sein, das können wir nicht ersetzen.

Deshalb helfen wir dabei, einzuordnen und Hintergründe zu verstehen. Zu verstehen, weshalb die Deutschen (und die deutsche Minderheit in Nordschleswig) das Jahr zusammen mit der dänischen Mehrheitsbevölkerung und der dänischen Minderheit feiern – weshalb sie es aber eben aus anderen Gründen feiern. Weshalb Berlin nicht von „Wiedervereinigung“, sondern von einem „kulturellen Freundschaftsjahr“ spricht.

„Es lebe der kleine Unterschied“, schrieb Erich Kästner 1931 in „Fabian“. Er bezog sich damals auf Männer und Frauen. Doch auch hier im Grenzland machen die kleinen Unterschiede die Beziehungen doch erst so richtig spannend. Vor allem dann, wenn man ihnen zum Trotze – oder gerade ihretwegen – immer wieder zueinanderfindet.

Mehr lesen

Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Die gemeinsame Sprache“

Kulturkommentar

Claudia Knauer
„Gedichte – Tut das not?“