Leitartikel

„So fern und doch so nah“

So fern und doch so nah

So fern und doch so nah

Apenrade/Aabenraa
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Aus der sogenannten „sozialen Distanzierung“ ist in Wirklichkeit eine Annäherung, ein Zusammenrücken geworden, meint Cornelius von Tiedemann. Sogar in Dänemark, wo der Staat viele soziale Aufgaben übernimmt, sei dies zu spüren.

Es gibt tatsächlich Menschen, die die Corona-Krise dazu nutzen, sich noch weiter danebenzubenehmen als sonst. Zum Beispiel nimmt die Zahl der geblitzten Raser auf den dänischen Straßen im wahrsten Sinne des Wortes in jüngster Zeit rasant zu. Freie Fahrt für rücksichtslose Bürger.

Und es gibt auch jene, die im Supermarkt den Sicherheitsabstand nicht einhalten, warum auch immer.

Es gibt die, die erst mal im Selbsterhaltungsmodus Klopapier und Hefe horten mussten, bevor sie zur Besinnung kamen.

Und natürlich sind nicht alle „kriminellen Adern“ durch den Ausbruch der Corona-Krise versiegt, weder die kleinen noch die großen.

Doch das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit Abstand die meisten Menschen sich in jüngster Zeit von ihrer guten Seite zeigen – wenn sie sich denn überhaupt zeigen.

In Dänemark mag das nicht so ausgeprägt zu spüren sein, weil hier der Staat einen großen Teil der sozialen Verantwortung übernimmt. Doch allein schon die große Bereitschaft, sich körperlich zu distanzieren (nicht sozial!) – und dennoch den Nachbarn zu helfen, die sich möglicherweise selbst nicht helfen können, spricht Bände.

Wenn Krisenzeiten eintreten, das können wir immer wieder beobachten, nimmt die Hilfsbereitschaft zu, sinkt die Scheu, sich einzubringen, Unterstützung anzubieten. Solidarität ist plötzlich kein ideologischer Kampfbegriff mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Überall auf der Welt organisieren Menschen derzeit Hilfe für andere. In Indien etwa sorgen junge Menschen für regelmäßige Mahlzeiten für diejenigen, die keine Ersparnisse und ihre Arbeit verloren haben.

In den USA hat ein achtjähriges Mädchen die Idee gehabt, sich virtuell mit Freunden zu treffen und neue Freunde zum Spielen kennenzulernen. Bei „Wepals“ können Eltern ihre Kinder jetzt anmelden, damit diese online miteinander Spiele in der echten Welt spielen können. Eine andere Webseite vermittelt Unterstützung für Gesundheitspersonal – Gassi gehen mit dem Hund, Essen besorgen und so weiter. In Tschechien passen etliche Studierende auf die Kinder von Ärzten auf.

Hier bei uns haben sich Einkaufsgemeinschaften formiert, in Großbritannien halten sich Frauen fit, indem sie Medikamente laufender Weise von Apotheken zu Senioren und Kranken bringen.

Die Kreativität kennt keine Grenzen. Und die Solidarität keine Unterschiede.

Tausende, Millionen von Menschen weltweit erleben dieser Tage, wie erfüllend es sein kann, direkt oder virtuell mit anderen zusammenzuarbeiten, für andere da zu sein, nicht nur nach dem eigenen Wohl zu streben.

Die Forschung hat längst gezeigt, dass es uns zufriedener macht, anderen zu helfen und zu spüren, dass wir gebraucht werden, als zum Beispiel Reichtümer anzuhäufen (und anderen vorzuenthalten). In Krisenzeiten finden wir zu den einfachen Wahrheiten zurück.

Wie gesagt, in Dänemark vielleicht nicht in dem Ausmaß wie anderswo, wo tatkräftige Hilfe noch viel mehr gebraucht wird. Aber immerhin.

Sei es nur dank der modernen Technik, dank der regelmäßigen Videochats mit Enkeln und Eltern: Die „soziale Distanzierung“, sie hat sich ins Gegenteil gekehrt.

Wir sind einander wieder näher gekommen.

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