Essay

Die Spuren der Kaiserzeit in Apenrade (2/11)

Die Spuren der Kaiserzeit in Apenrade (2/11)

Die Spuren der Kaiserzeit in Apenrade (2/11)

Kurt Seifert
Apenrade/Aabenraa
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Kaiser Wilhelm II. Foto: DN

Mit Ausgangspunkt in der Beschreibung der Spuren, die das deutsche Kaiserreich im heutigen Apenrade hinterlassen hat, fasst Kurt Seifert in einem persönlichen Essay das dänisch-deutsche Kulturerbe des Grenzlandes ins Auge. Seine Ausführungen hat er für die diesjährige Ausgabe des Jahrbuches des stadthistorischen Vereins in Apenrade geschrieben.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors hat „Der Nordschleswiger“ den Aufsatz ins Deutsche übersetzt. Wir bringen seine Ausführungen in den kommenden Wochen als elfteilige Reihe.

Teil 2/11

Kurt Seifert (Jahrgang 1950) ist gebürtiger Apenrader. Er hat an der Pädagogischen Hochschule in Flensburg ein Lehramtsstudium absolviert. Seifert war von 1974 bis 1989 zunächst als Lehrer an der Deutschen Nachschule Tingleff tätig und wechselte anschließend an die Deutsche Privatschule Apenrade. Von 2007 bis zu seiner Pensionierung war er als kommunaler Ausbildungsberater zuständig für die Schüler des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Nordschleswig.

Kurt Seifert ist ehemaliges Stadtratsmitglied der Schleswigschen Partei in Apenrade und ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der Dachorganisation der deutschen Minderheit, Bund Deutscher Nordschleswiger.

Kreisstadt Apenrade

Im Text von 1907 wird Apenrade als Kreisstadt im Regierungsbezirk Schleswig in der preußischen Provinz Schleswig-Holstein bezeichnet. Preußen war bei Weitem der größte und bedeutungsvollste Staat im deutschen Reich, und sein König war ebenfalls deutscher Kaiser (Wilhelm II.). Der Verwaltungschef der Provinz Schleswig-Holstein trug den Titel Oberpräsident. Der Berühmteste und Berüchtigste von diesen war Ernst Mathias von Köller, der besonders wegen seiner harten Germanisierungspolitik gegenüber der dänischen Sprache und Kultur um das Jahr 1900 in Erinnerung geblieben ist.

Nordschleswig war damals in vier Kreise aufgeteilt: Hadersleben (Haderslev), Tondern (Tønder), Sonderburg (Sønderborg) und Apenrade (Aabenraa). Die Kreise bestanden aus mehreren Amtsbezirken, die jeweils von einem Amtsvorsteher geleitet wurden, der wiederum einige kleinere Gemeinden unter sich hatte. Der Kreis Apenrade reichte vom Amtsbezirk Osterlügum (Øster Løgum) im Norden bis Seegaard (Søgård) im Süden, von Hellewatt (Hellevad) im Westen bis Warnitz (Varnæs) und Gravenstein (Gråsten) im Osten. Die Einwohnerzahl des Kreises Apenrade betrug 1910 rund 32.000.

Alleine das Amt Loit (Løjt) bestand aus acht kleinen Gemeinden: Stollig, Schauby (Skovby), Loit Kirkeby, Bodum, Barsmark, Norby (Nørby), Barsö (Barsø) und Hökeberg (Høgebjerg). Jede Gemeinde hatte einen eigenen Gemeindevorsteher.

Kreishaus, H. P. Hanssens Gade 42. Errichtet 1902-04 in hanseatisch neugotischem Stil. Große Glasmosaike in den Fenstern zur Treppe und dem Ratssaal. Foto: Museum Sønderjylland

Das Kreishaus

Das Kreishaus am Marktplatz muss wohl als das markanteste Gebäude in Apenrade aus der Kaiserzeit angesehen werden. Das Kreishaus beherbergte die Kreisversammlung und war Amtssitz des Landrats, der seine Dienstwohnung im Brundlund Schloss hatte. Der bekannteste und schillerndste Landrat war sicher Rafael José Perfecto Antonio von Uslar, ein treuer Gefolgsmann der Köllerpolitik. In Deutsch Südwestafrika  kam er allerdings durch das Aufspüren von Wasser mit der Weidenrute zu Ruhm und Ehre.

Die nördliche Ansicht des Kreishauses. Damals war die Multibahn allermindste noch nicht im „Genforeningshaven“ angelegt worden und die Skulptur „Sønnen“ hatte damals noch freien Ausblick auf das Gebäude. Heute steht das H.-P.-Hansen-Denkmal im neuen „Genforeningspark“ vor dem „Folkehjem“. Foto: Karin Riggelsen

Das Kreishaus wurde zwischen 1902 und 1904 errichtet. Besonders das imposante Äußere, aber auch die innere Architektur sollten die Macht, den Prunk und die Pracht des Kaisers sichtbar machen. Der preußische Adler als Motiv in einem der großen Glasmosaike musste nach der Angliederung 1920 „fliehen“ und den beiden schleswigschen Löwen weichen. Ich bin mir recht sicher, dass eine solche Umnationalisierung heute zu einigen Diskussionen führen würde. Der Adler hat seither Asyl im Sonderburger Museum gefunden.

Im Ratssaal trafen sich die Mitglieder der gewählten Kreisversammlung. Zwischen 1920 und 1970 diente das Gebäude als Amtshaus für die Ämter Apenrade bzw. Apenrade-Sonderburg und später als Sitz für das Stiftsamt Nordschleswig. 2007 wurde das Gebäude an Hans Michael Jebsen verkauft und beherbergt heute private Büros. Die Schloss- und Kulturbehörde (Slots- og Kulturstyrelsen) stellte es 2013 unter Denkmalschutz – also einige Jahre nachdem der einstige Museumsleiter des Sonderburger Schlosses, Peter Dragsbo, auch auf die Verantwortung für das „übersehene und unbequeme“ Kulturerbe in Nordschleswig aufmerksam gemacht hat.

Quellen:

Literaturliste

Alle Informationen zu Architektur und Baukultur stammen aus Dragsbo, Peter: En fælles kulturarv. Tyske og danske bygninger i Sønderjylland 1864-1920, Sonderburg 2011.

Zusätzliche Quellen:

Aabenraa Bys Historie:
Becker-Christensen, Henrik und Witte, Jørgen, Band IV, 1945-1970, Apenrade 1985
Hvidtfeldt, Johan und Iversen, Peter Kr. (Red.), Band II, 1721-1864, Apenrade 1967
Hvidtfeldt, Johan und Iversen, Peter Kr. (Red.), Band III, 1864-1920, Apenrade 1967

Dansk Biografisk Leksikon, 3. Ausg. 1979-84, hier www.biografiskleksikon.lex.dk

Jahresbericht über die Fortschritte und Leistungen auf dem Gebiet der Hygiene, Band 27-28, Braunschweig 1912

Jebsen, H. M.: Hundert Jahre Lensnack 1909-2009, private Veröffentlichung

Krankenhaus-Lexicon für das deutsche Reich, Berlin 1900, hier https://archive.org/details/krankenhauslexik-00gutt/page/11/mode/1up?q=Apenrade

Meyers Großes Konversationslexikon, Leipzig und Wien 1907

Rasmussen, René: Ringridning i Aabenraa gennem 100 år, Apenrade 1995

Sønderjylland A-Å, Apenrade 2011

Wilcke, Birger: Æ Kringelbahn, Kopenhagen 1982

Aabenraa Kommune: https://www.aabenraa.dk/oplev/genforeningen-2020/genforeningsparken/gen…

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