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Aktivistin: Finnisch ist in Schweden vom Aussterben bedroht

Aktivistin: Finnisch ist in Schweden vom Aussterben bedroht

Aktivistin: Finnisch ist in Schweden vom Aussterben bedroht

Helsinki/Helsingfors
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Petra Palkio fordert die Behörden dazu auf, Verantwortung für die Pflege der Minderheitensprachen zu übernehmen. Foto: Walter Turnowsky

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Die Schwedenfinnen sind als Minderheit mit Recht auf die eigene Sprache anerkannt. Doch in der Praxis hakt es an allen Ecken und Enden. Viele haben bereits ihre Sprache verloren, berichtet die Vertreterin der Minderheit Petra Palkio.

Sieht man sich die Regeln und Gesetze an, sollte die Welt für die Finnisch sprechende Minderheit in Schweden in Ordnung sein. Seit 2000 erkennt der Staat sie als Minderheit an. In den 66 Gemeinden, in denen sie einen bedeutenden Bevölkerungsanteil ausmachen, haben sie das Recht, mit Behörden auf Finnisch zu kommunizieren.

Doch eins ist ein verbrieftes Recht, häufig etwas ganz anderes die Wirklichkeit vor Ort. Davon kann Petra Palkio, die sich Sprachaktivistin nennt, ein Lied singen.

„Schwedisch dominiert vollkommen. De facto herrscht eine einsprachige Norm, und schlimmstenfalls wird Kindern in der Schule sogar verboten, Finnisch zu sprechen“, berichtete sie beim „Forum der Europäischen Minderheitenregionen“, das die Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) in Helsinki (Helsingfors) durchgeführt hat.

Immer weniger beherrschen die Sprache

Finnisch bei Behörden finde nur in Ausnahmefällen statt, sie kenne kein Beispiel, dass Menschen aus der Minderheit im Gesundheitssystem ihre Sprache sprechen konnten. Die Lehrerin Palkio, sieht das Ergebnis der fehlenden Umsetzung der Rechte in ihrem Berufsalltag.

„Als Lehrerin erlebe ich ein Sterben der Sprache. Viele junge Eltern konnten sie nicht lernen, weil der Assimilierungsprozess so stark wirkt“, sagt sie im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“.

Es gibt eine Trauer über den Verlust der eigenen Sprache.

Petra Palkio, Sprachaktivistin

Im Gegensatz zu den Tornedalsfinnen in Norden leben die über Jahrhunderte zugewanderten Schwedenfinnen über große Teile von Schweden verteilt. Dies verstärkt den Druck der Assimilation noch weiter.

„Die finnische Sprache hat in Schweden keinen besonders hohen Status. Es bedarf einer Revitalisierung“, so Palkio.

Sprache ist Identität

Die Aktivistin weist darauf hin, dass es ein Grundrecht ist, die eigene Sprache sprechen zu können.

„Du kannst dein Leben durch Sprache leben, deine Gedanken fassen, dich ausdrücken. Doch es geht auch um Identität. Vor allem Jugendliche müssen die Möglichkeit haben, eine Minderheitenidentität zu entdecken und zu pflegen.“

Familien sei häufig nicht bewusst, dass die Kinder das Recht haben, die Minderheitensprache zu lernen.

Minderheiten in Schweden

Die Schwedenfinnen sind über die Jahrhunderte in Schweden zugewandert. Sie unterscheiden sich als Volksgruppe von den Tornedalsfinnen im Norden Schwedens, die dort bereits seit Urzeiten ansässig sind.

Vom 13. Jahrhundert bis 1809 wurde Finnland von Schweden beherrscht. Die Bevölkerungsgruppen konnten sich relativ frei innerhalb des Reiches bewegen. Finnen arbeiteten häufig im Bergbau oder rodeten in Schweden Wälder, um Ackerflächen zu gewinnen.

1809 verlor Schweden Finnland im Krieg an Russland. Ab Ende des 19. Jahrhunderts flohen etliche Finnen nach Schweden. Der finnische Bürgerkrieg und der Zweite Weltkrieg führte zu weiteren Einwanderungswellen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lockten Wohlstand und Arbeitsplätze viele Finnen nach Schweden.

Neben den Schwedenfinnen und Tornedalsfinnen sind auch die Sami, die Juden und die Roma als Minderheiten in Schweden anerkannt.

Petra Palio beim Forum der FUEN Foto: László Miháli / FUEN

Doch inmitten all der negativen Tendenzen sieht die Lehrerin auch einen Hoffnungsschimmer.

„Immer mehr Eltern möchten, dass ihre Kinder Finnisch lernen“, berichtete sie.

„Behörden tragen die Verantwortung“

Dies seien häufig Eltern, die selbst der Sprache nicht mehr mächtig sind.

„Wenn du Kinder bekommst, denkst du vielleicht darüber nach, dass du einst eine Sprache hattest. Die Sprache und vor allem deine Kultur möchtest du an die Kinder weitergeben. Als Schwedenfinnen ist uns bewusst, dass wir eigene Wurzeln haben, und das möchten wir am Leben erhalten. Es gibt daher eine Trauer über den Verlust der eigenen Sprache“, erläutert Palkio.

Ihrer Ansicht nach ist es nicht zu spät, das Ruder doch noch rumzureißen. Hier seien jedoch vor allem die Behörden gefragt.

„Derzeit wird die Verantwortung allein der Minderheit überlassen. Diese Verantwortung muss wieder dort platziert werden, wo sie hingehört, nämlich bei den offiziellen Instanzen, die die Sprache und die Sprachrechte schützen sollen. Einzelpersonen können diese Last nicht tragen“, betont Petra Palkio.

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