Predigt

„Minderheiten als die Brückenbauer und Pioniere Europas“

Minderheiten als die Brückenbauer und Pioniere Europas

Minderheiten als die Brückenbauer und Pioniere Europas

Bischof Peter Skov-Jakobsen, Kopenhagen
Kopenhagen/København
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An dem Gottesdienst in der Vor Frue Kirke in Kopenhagen nahmen neben Königin Margrethe auch die deutschen Pastoren Christa Hansen aus und Matthias Alpen aus Nordschleswig teil. An der Spitze Bischof Peter Skov-Jakobsen mit der Bischöfin Marianne Christensen aus Hadersleben. Foto: Ida Guldbæk Arentsen/Ritzau Scanpix

Bischof Peter Skov-Jakobsen hat am Sonntag eine bemerkenswerte Predigt beim Festgottesdient zum Auftakt des „Genforeningsjahres" 2020 gehalten. In seiner Predigt in der Vor Frue Kirke in Kopenhagen hat Skov-Jakobsen unter anderem die Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland angesprochen. Die Predigt zum Nachlesen.

Es existiert eine wundersame Tonaufnahme am Ende des 1. Weltkriegs. Sie stammt von den Amerikanern. Sie erstreckt sich über Minuten. Man hört den grausamen Lärm des Krieges. Ohrenbetäubender Schlag, der alles töten, zerreißen, vernichten will. Zu hören sind nur Granaten, die an einen Totentanz erinnern.

Und plötzlich der Einschlag der letzten Granate. Waffen ruhen, diese hässlichen, schrecklichen Töne verstummen und plötzlich ist da ein Gefühl, als gehe die Sonne über der Welt auf. Und mit einem Mal hört man die Stimmen der Natur.

Vögel zwitschern, die Laute verstärken sich, sie singen. Sie singen von Leben, Freude und vom Morgen.

Ich bin sicher, den Tontechnikern ging es darum, den Lärm des Krieges einzufangen und sie schenkten dem Frieden mit seinem lebensstiftenden Gesang keinen Gedanken.

Trotzdem hat vielleicht der eine oder andere in die Luft gestarrt und gedacht, dass die Welt jetzt wieder einen Sinn ergeben müsse und dachte: "Herr, unser Herr, wie herrlich ist dein Name ... du, der du deine Pracht über den Himmel ausbreitest. ….Wenn ich deinen Himmel sehe “. Auf einmal war der Himmel nicht mehr voller tödlicher Gase und Granaten, die töteten - jetzt herrschte Stille, Frieden und Zukunft.

Vier Jahre zuvor waren wir Europäer in einen Krieg geschlittert. Viele hatten diesen großen Krieg nicht kommen sehen. Wir Menschen hassen es, aber Kriege neigen dazu, uns zufällig und plötzlich zu überwältigen. Es waren nicht nur die Wiener Bürger, die in Bequemlichkeit lebten und gedacht hatten, wie Stefan Zweig schreibt: „Niemand glaubte an Kriege, Revolutionen und Umwälzungen. Alles Radikale, alles Gewalttätige schien in diesem Zeitalter der Vernunft unmöglich zu sein.“

Früher dachte man, dass der Krieg auch ein Weg sei, um die Welt zu bereisen. Es war eine Art, andere Kulturen kennenzulernen. Vier Jahre waren vergangen und man hatte gesehen, wie die Gräueltaten ihre eisige Todeshand auf die Menschen ausstreckten. Kein einziger romantischer Gedanke an den Krieg war als großartige Erfahrung zurückgelassen worden. Revolutionen und radikaler menschlicher Hass waren geboren und niemand hatte geahnt, dass die Kanonen nun für einen noch grausameren Krieg aufgewärmt waren und dass Menschenverachtung und Völkermord Europa verwüsten würden und uns zur Stunde Null zurückwerfen würden.

Im 20. Jahrhundert wurden wir Zeuge sowohl des schönsten als auch des hässlichsten Wahnsinns. Wir haben etwas über die Schönheit der Demokratie gelernt. Wir erfuhren auch etwas über die Grausamkeit der Diktatur, über die menschliche Verachtung, über die Niederträchtigkeit der Geheimpolizei, über den tauben und blinden Zorn des Fanatismus.

Die Minderheiten nördlich und südlich der Grenze sind Teil unserer Nationen geworden. Sie sind Brückenbauer, sie sind Pioniere in einem Europa, in dem Grenzen, Nationalität und Kultur oft schwierig sind.

Bischof Peter Skov-Jakobsen, Kopenhagen

30.000 junge schleswigsche Männer wurden eingezogen. Viele von ihnen hatten nie daran gedacht, dass es so enden könnte. Für viele im nördlichen Teil von Schleswig, den wir als Sønderjylland bezeichnen, galt die deutsche Staatsangehörigkeit und das Gefühl, sie sei nie in die Herzkammer eingeschlossen worden. Ihre Muttersprache war Dänisch. Es war nicht immer einfach gewesen. Eine solche Herzenssprache kann einem Menschen nicht genommen werden. Es gibt Erzählungen und Wahrnehmungen, die prägen und die von Generation zu Generation weitererzählt werden unabhängig davon, wo die Grenze liegt.

Kaum hatte sich die erste schreckliche Zeit gelegt, war der Kummer über die Fremdheit und die Sehnsucht nach einer Bindung an Dänemark aufgewacht. Die Geschichte der Wiedervereinigung ist in ihrer Nüchternheit und Schwierigkeit packend und natürlich umstritten. Das Grenzgebiet ist geprägt von sich verflechtenden Kulturen, die Sprachen sind vielfältig: Dänisch, Deutsch, Sønderjysk, Plattdeutsch, Friesisch. Es ist aufregend und widersprüchlich, und das einzelne Leben kann auch Schrammen bekommen.

Ich glaube nicht, dass es von Dänemark nördlich der Königsau ganz verstanden wurde, was es bedeutete, dieses erleben zu dürfen, etwas unendlich Glückliches aber es war mit einer großen Sehnsucht und einer großen Trauer verbunden. Wir haben wahrscheinlich nie ganz verstanden, was es heißt, von der Muttersprache getrennt zu sein und was für eine Sehnsucht es mit sich brachte - und wir haben überhaupt nicht verstanden, dass es Menschen gab, die über Tod und Verlust trauerten und deshalb von Sinnlosigkeit gekennzeichnet waren über den Verlust von mehr als 6.000 jungen Männern, die aus dieser Region auf dem Schlachtfeld geblieben waren.

Zum Glück gab es von Anfang an ein Bewusstsein dafür, dass durch die Teilung nun Minderheiten geschaffen worden waren, und zum Glück gab es durch die Heimvolkshochschulbewegung und Demokratie eine völlig klare Sichtweise, dass es den Menschen trotz nationaler Kämpfe und Sprachkämpfe gestattet sein musste, die Sprache zu sprechen, die ihrem Herzen nahestand. Ein großes Glück und sicherlich auch ein einigender Moment war es, dass „sønderjysk“ (der süddänische Dialekt) ein gemeinsames Ziel war. Natürlich sollte es deutsche Schulen, Bibliotheken, Kirchen usw. geben. Geistige Freiheit sollte das gemeinsame Leben prägen.

Es mag sein, dass einige das Gefühl hatten, dass alles in den 30er Jahren missbraucht wurde, um die Nazi-Pest zu verbreiten, aber wer sich die Mühe gemacht hat, sich in die Geschichte zu vertiefen, weiß, auch wenn die Mehrheit in der Minderheit diesen schrecklichen Weg gegangen ist, gab es doch Lichtblicke (unter anderem wurden die Hirtenbriefe der Bischöfe gegen die Judenverfolgung im Oktober 1943 in den deutschsprachigen Kirchen in Haderslev, Sønderborg, Apenrade - und wahrscheinlich auch in Tondern verlesen, aber wir wissen es nicht genau).

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einige Jahre, in denen eine Aufarbeitung dieser schrecklichen, politischen und kulturellen Fehler der Minderheit offen geführt werden mussten; glücklicherweise gab es einen schnellen Weg, die geistige Freiheit zu finden, die es der Minderheit wieder ermöglichte, Schulen und andere kulturelle Einrichtungen zu bekommen. Heute denke ich auch, die Minderheit hat alle Achtung verdient und es muss gebührend festgestellt werden, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit von innen kam und zu einer schwierigen Selbstkritik führte, der wir uns nur beugen und mit Dankbarkeit, Freude und Verständnis begegnen können.

Ein Menschenwerk, das nicht gezügelt werden kann.

Kresten Andresen, Soldat

Die Minderheiten nördlich und südlich der Grenze sind Teil unserer Nationen geworden. Sie sind Brückenbauer, sie sind Pioniere in einem Europa, in dem Grenzen, Nationalität und Kultur oft schwierig sind. Sie sind Teil unserer Nationen und unserer Selbstwahrnehmung. Für mich sind sie Teil der Schönheit des Grenzlandes, Teil des Wunders, Teil des Widerspruchs, Teil der Freude und des Spiels des Nationalen, Kulturellen und des Zwischenmenschlichen, alles auf gutem Weg.

Sie kamen mit einigen Kindern zu Jesus. Der Grund, dass sie das erinnern konnten, ist einsichtig. Einige machten es ganz bewusst. Jeder wusste, dies gehörte zum Gebet des frommen Mannes in dieser Zeit, dass man täglich Gott dankte und (eben) nicht zu den Heiden, Einfältigen oder Frauen gehörte. Deswegen war es eine Ungeheuerlichkeit einfach so mit Kindern zu kommen, das gehörte sich nicht. Aber seit dieser Zeit wissen wir, dass Gott in Augenhöhe mit allen Menschen ist, und ebenso wissen wir dass das Spiel der wichtigste Ausdruck im Zentrum unseres Glaubens steht.

Das Spiel sprengt Grenzen, zwingt uns über sie zu gehen und lehrt uns einen Grenzübergang zu verstehen. Grenzen der Traurigkeit und Langeweile werden laufend überschritten. Spiel ist nicht nur Blödsinn, es ist lebensspendende Leichtigkeit und auch Leichtsinn. Das Spiel birgt auch in sich Verzweiflung, aber mit Leichtsinn finden wir ins Licht und selbst wenn wir von der Machtlosigkeit überrascht werden, spielen wir weiter, um Leben zu spüren.

Wir können mit geistlosen Vorurteilen dahin wandern,- also mitten in der Wüste, wo der Hass uns Fatamorganas vorgaukelt und dort können wir plötzlich von Freuden der Fantasie und Lebenslust überrumpelt werden und wir beginnen zu spielen. Wir tauchen in eine andere Zeit ein. Wir tun es vielleicht mit einem Pinsel in der Hand oder Instrument oder mit einer Handarbeit oder wir spielen mit Gedanken, mit Herzlichkeiten und die Sorgen verfliegen vor unseren Augen und bekommen einen neuen Blick. Tod und Angst können uns nichts mehr anhaben. Keine Drohungen von Mächten können uns verschlingen.

Ihr wisst, dass Macht uns in bestimmte Grenzen zwingen will und plötzlich erfahren wir, dass Macht unersättlich ist und immer mehr will. Sie will uns ganz verschlingen und uns einkerkern. Sie will uns erschrecken mit der Finsternis. Sie schafft Ordnung für eine Zeit aber ohne Liebe.

Jesus wusste, dass es schwer ist, Kinder zu zügeln, wenn das Leben brodelt, die Welt beginnt zu werden, die Kinder spielen und lachen. Das Spiel ist unerschrocken. Wird es an einer Stelle verrückt, startet es von Neuem. Es ist wirklich die Freude, Barmherzigkeit, die versucht einen Weg zu finden, es ist Leben und Wort.

Jesus hätte seinen Jüngern Recht geben können in ihrer Verärgerung über die Kinder und deren Spiel, hätte sie nach Hause schicken können zu Vater und Mutter, nach Hause zu ihrem Ursprung in ihre Heimat, zu ihrer Nation, ihrer Religion ihrer Kultur. Er tat es nicht. „Wir haben etwas gemeinsam vor“, das war es, was er sagte. Wir haben das Reich Gottes vor uns und das ist das Ziel der Freude. Jesus überlässt sie nicht den vorgeschriebenen Regeln der Jünger oder Eltern. Es ist so, als ob er weiß, dass, wenn wir uns nicht wegbewegen vom Bekannten, von Traditionen von dem Vorgeschriebenen, wären wir gefangen in dem Leben, das uns einsperrt in Zorn und Vorurteil. Er spitzt es zu, was Eltern eigentlich ganz tief im Innern wissen, dass die Kinder weiterleben sollen. Sie sollen dem Leben begegnen. Sie sollen neue Lösungen finden und sie müssen in einer anderen Welt leben, die andere Herausforderungen verlangen, andere Antworten, neue Lieder. Gottes Leichtsinn sendet uns zum Spiel in die Lebenswirklichkeit.

Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit kommen nicht mit festem Stiefelgetrampel oder Fliegerbomben oder Geheimpolizei. Liebe, Wahrheit und Freiheit kommen, wenn wir uns aufs Spiel einlassen, den Mitmenschen wahrnehmen, ihm in die Augen schauen auch der Mitmensch der unser Feind ist. Wo die Liebe erlischt, stirbt die Zukunft.

Darum spiele! Tu es mit der Geschichte, mit der Zukunft, mit deiner Nationalität, mit der Religion, mit der Kultur und bleibe menschlich dabei.

Ein Teil des Spiels ist der Humor, der nicht selten das Schwere, Tragische, das Wahre und das Schmunzeln zusammenbringt. Hier eine andere kleine Geschichte, die ich vor Jahren von Bischof Vincent Lind hörte der im KZ als junger Mann war übrigens Sønderjyde.

Sein Vater war Apotheker in Christiansfeld, er weinte am 9. April den ganzen Tag. Aber am Abend war er heimgekommen und war völlig vor Lachen aufgelöst wegen einer Geschichte, die er im Geschäft gehört hatte. Die Deutschen wie die Dänen standen jeder auf ihrer Straßenseite in Apenrade, als die deutschen Truppen an ihnen vorbei ins Land marschierten. Jemand von der deutschen Minderheit hatte seinem dänischen Nachbarn auf der anderen Straßenseite zu gerufen. „Na Petersen, was sagst du nun?“ Petersen hatte geantwortet: „Wenn sie zurückkommen, bekommen sie einen Tritt in den Hintern“. Dazu fügte Vincent Lind mit herzlicher aber leiser Stimme an, aber als die Soldaten zurückkamen, war da niemand der sich äußerte, denn sie wussten, dass diese Soldaten nicht ahnten, ob sie heimkamen zu Etwas oder zu Jemandem, sie waren die erbärmlichsten auf dieser Welt und man müsste eigentlich Mitgefühl zeigen.

Jesus ist wirklich das unsichtbare Bild Gottes auf dieser Erde. Er spielt mit uns, gibt uns Freude und den leichten Sinn zurück., bringt uns barmherzig zu dem Gegenüber, dem Feind, macht uns menschlich und bringt uns dazu das Menschliche im Menschen zu sehen und ihm das Menschenrecht zuzugestehen. Er lässt uns nicht im Zorn und Überheblichkeit umkommen. Sorgen und Freude teilen wir miteinander, Sehnsucht und Heiterkeit haben wir gemeinsam. Ob wir Däne, Deutscher, Sønderjyde oder Schleswiger, aus der Minderheit oder aus der Mehrheit sind. Vor uns steht das Reich Gottes, es steht vor uns, der uns in Liebe schuf und stets mit uns das Spiel der Hoffnung spielt.

Nichts ist natürlicher als sein Land, Sprache zu lieben und tief dankbar für seine Kultur zu sein. Der polnisch geborene Jude Zygmunt Baumann hat eine Hoffnung ausgesprochen, der ich mich anschließe, eine Hoffnung die unser Dänischsein- Deutschsein oder Englischschein usw. öffnet.

An einer Stelle schreibt er, erstmals können wir unser Nationalgefühl „auflieben“ und leben, weil wir unser Eigenes lieben, aber keinen Abstand zu dem Nationalgefühl, der anderen Sprache und Kultur des Anderen pflegen müssen.

Wir als Mehrheit müssen immer wieder lernen, nicht der warmen Bank sitzen zu bleiben, sondern am Spiel teilzunehmen, sich wundern und sich verblüffen lassen, miteinander spielen, uns „einzuspielen“ und alles deutet darauf hin, dass dann der Friede in Europa und der Welt gelingt. So gelingt es, sein Land zu lieben, Europäer zu sein, der andere achtet und in dem wir unseren Platz als Weltbürger einnehmen.

Wollen wir über diese Grenze gehen? Wagen wir anderen Grenzen zu setzen?

Ich hoffe auf das Spiel der Liebe und des Freisinns, vor langen Zeiten begonnen und wurde Gottes menschliches Antlitz auf Erden: Jesus. Er will uns Freude, Lachen und Fantasie geben, damit wir nicht so enden wie Kresten Andresen, der gefallen ist in der Schlacht an der Somme, er schrieb in einem Brief nach Hause über die Wirklichkeit des Krieges: Ein Menschenwerk, das nicht gezügelt werden kann.

Übersetzung: Roland von Oettingen

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