Kindheitserinnerungen

Weihnachten nach polnischem Vorbild

Weihnachten nach polnischem Vorbild

Weihnachten nach polnischem Vorbild

Osterhoist/Øster Højst
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Nis und Teresa in der Haustür
Teresa und Nis Christensen vor ihrer Haustür Foto: Monika Thomsen

Teresa Christensen lässt an ihren Kindheitserinnerungen aus ihrer polnischen Heimat teilhaben. Dabei gewährt die 62-Jährige Einblick in ein ereignisreiches Zeitfenster zwischen dem Wasserholen mit dem Tragejoch und der Technik der Gegenwart mit dem I-Phone.

Auf eine Reise in die Weihnachtszeit ihrer Kindheit nimmt Teresa Christensen aus Osterhoist den „Nordschleswiger“ mit. In ihrer polnischen Heimat auf dem Lande in Krobielewko aufgewachsen, hören sich die Erinnerungen der 62-Jährigen eher an, als ob man ein Kapitel in einem Buch weit älterer Vorfahren aus einer anderen Generation aufschlagen würde.

„Als ich fünf Jahre alt war, sind wir von der anderen Seite des Flusses nach Krobielewko umgezogen. Nach Abschluss des Zweiten Weltkrieges 1945 ging der Aufbau in dem Gebiet, das mal zu Deutschland, mal zu Polen gehörte, nicht so schnell“, berichtet Teresa am runden Esstisch in der Stube am Arnåvej, während die Katze Husky es sich auf der Fensterbank draußen gemütlich macht.

Finanziell arm, aber reich an Schnee

„Wir hatten nicht viel, wir waren aber reich an Schnee. Ab November bis oft in den April hinein gab es eine dicke Schneeschicht“, so Teresa, die mit ihrem aus Terkelsbüll gebürtigen Mann Nis im vergangenen Jahr Silberhochzeit feierte. Sie wuchs etwa sieben Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt auf.

Auch die Kinder mussten arbeiten, wenn sie etwas zu essen haben wollten. „Ich kann mich noch deutlich daran erinnern, dass ich auf einem Hocker stehen musste, um Sauerkraut oder Salzgurken aus der Tonne zu holen. Wir waren finanziell arm, hatten aber den Keller gefüllt mit Vorrat“, sagt die zweitjüngste von sechs Geschwistern mit Blick auf den Gemüseanbau. „Im November ging der Schlachter im Dorf von Haus zu Haus, um Schweine zu schlachten.“

Die Eltern mit drei Kindern
Teresa mit ihren Eltern und zwei Brüdern. Sie erinnert sich noch daran, dass sie den Bleistift erhielt, den sie in der Hand hält. Foto: Privat

Zum Hof gehörten sieben Hektar Land, und im Stall fanden zwei Pferde und drei Kühe sowie sechs Schweine Platz. Hühner gehören wie damals immer noch zu Teresas Alltag.

Wegen des harten Frostes seien damals die Türen und Fenster im Stall mit Stroh abgedeckt gewesen.

„Das Wasser mussten wir im Brunnen holen. Wenn es dort nicht genügend gab, mussten wir zum See“, so Teresa. Auch in ihrer Kindergröße gab es ein Tragejoch, um Wasser heranzuschleppen. „Heute sieht man sie nur noch im Museum“, sagt sie.

Tägliche Pflichten im Stall

Für die Kinder des Hauses, die an sechs Tagen der Woche zur Schule gingen, ging es darum, nach dem Nachhausekommen schnell Hausaufgaben zu machen. „Wir mussten füttern, und wir wollten unbedingt noch vorher spielen. Das war uns sehr wichtig. Manchmal gab es schon Hierarchien, aber nicht mit Spielen. Jeder Hügel wurde ausgenutzt. Wir sind auch Schlittschuh gelaufen.“

Teresa in ihrem Kommunionskleid
Die neunjährige Teresa bei ihrer Kommunion Foto: Privat

Als besonderen Spaß hat sie die Schlittenfahrten in Erinnerung, als ihr Vater einen großen Schlitten repariert hatte. Dann ging es mit bis zu 25 Kindern abwärts.

„Den Weihnachtsbaum haben wir erst am 24. Dezember geholt, nicht vorher. Das war die Aufgabe meines Vaters, meiner zwei Brüder und mir. Der Wald gehörte damals dem Volk, und man konnte Tannenbäume abholzen, ohne zu bezahlen. Für mich war es ein weiter Weg, durch den hohen Schnee zu stapfen. Es war aber immer spannend, und mein Vater war dann ein richtiger Witzbold, der unterwegs seine Spielchen mit uns trieb.

Märchenhafte Schlittenfahrten

Später sind wir dann im großen Schlitten, der vom Pferd gezogen wurde, gefahren. Dann waren wir warm mit Pelzen zugedeckt, während uns der frische Wind ins Gesicht wehte. Das war schön wie im Märchen“, so Teresa.

In sehr guter Erinnerung hat sie auch die Vorlese-Kunst ihrer Mutter, die kriegsbedingt erst als Erwachsene lesen gelernt hatte. „Sie war ganz hungrig nach dem Lesen, und sie trug die Geschichten wie ein Schauspiel vor. Für uns erschloss sich daraus eine gute Fantasie“, lässt Teresa die Gedanken zurückschweifen.

Neues Stroh in den Matratzen

Heiligabend wurden die Matratzen mit neuem Stroh ausgestattet. Das kam zweimal im Jahr vor. „Das war schön kuschelig. Denn zu dem Zeitpunkt lag man nahezu nur auf den Brettern. Die Seegras-Matratzen kamen erst später“, sagt Teresa, während sie einen Blick auf ihr bimmelndes I-Phone wirft.

Eine Frau mit vier Kindern
Teresa (zweite v. l.) mit ihrer Mutter und drei ihrer fünf Geschwister Foto: Privat

Die Menschen hätten sich damals gegenseitig viel geholfen. Dies habe aber nichts mit Geld zu tun gehabt. Das Essen für Heiligabend wurde in dem katholischen Zuhause von langer Hand zubereitet. Es gab Gemüsesalat, „Bigosz“ (Sauerkraut gemischt mit Wurst und gekochtem Fleisch und getrockneten Pilzen), und die Teigtaschen „Pierogi“ mit Füllung. Auch Quarkkuchen als Nationalspeise, Mohnkuchen, verschiedene Kekse und Kompott aus getrockneten Früchten aus dem Garten mussten vorbereitet werden.

Das Kompott musste ziehen und war zugleich ein Symbol dafür, dass es auch im folgenden Jahr Früchte geben würde. Zum Menü, das im Zusammenhang mit den zwölf Aposteln immer aus einer ungeraden Zahl von Gerichten bestehen muss, gehört Fisch, da am 24. Dezember aufgrund des Fastens kein Fleisch gegessen wird.

Frisches Heu unter der Tischdecke

„Meine Mutter hat Heiligabend immer frisches Heu unter die Tischdecke gelegt, als Symbol für Jesus in der Krippe. Als Kind habe ich mit dem Duft den Stall in Bethlehem in Verbindung gebracht. Wir haben dann auch die Weihnachtsgeschichte gehört. Der Tisch wurde stets für eine Person zusätzlich gedeckt, für einen unerwarteten Gast“, berichtet Teresa, während ein interessiertes Huhn die Katze von ihrem Platz verdrängt hat und neugierig an die Fensterscheibe hackt.

Teresa mit einer Packung mit Oblaten
Teresa mit der Packung mit Oblaten Foto: Monika Thomsen

Die Oblaten gehören nach wie vor zu Heiligabend dazu. „Wir gehen von Person zu Person und wünschen alles Gute und danken für das vergangene Jahr. Wir entschuldigen uns, wenn wir grob waren. Dann sagen wir das Vaterunser, und dann können wir essen.

Wir sind dann immer Mitternacht zur Messe gefahren. Die wurde nie abgesagt, egal wie hoch der Schnee lag. Im Anschluss an die Messe feierten wir die Kolende und wanderten von Haus zu Haus und wünschten alles Gute. Manchmal bin ich dann als Kind auch erst um 5 Uhr morgens zu Bett gekommen“, erinnert Teresa sich lächelnd.

Polnische Weihnachten in Osterhoist

Die kulinarischen Weihnachtstraditionen ihrer Kindheit führt sie, seit sie 1993 nach Osterhoist kam, weiter. War dies auch eine ganz neue Welt für Nis, so gefällt sie ihm. „Mein Mann will gerne polnisch feiern“, freut sich Teresa. „Ein Tag ohne Fleisch, das hält man schon aus, ohne zu verhungern“, sagt sie mit einem Lachen.

Sie blickt mit freudiger Erwartung auf die katholische Messe Heiligabend um Mitternacht in Hadersleben.

Das löst ein ganz besonderes Gefühl in mir aus. Das kann ich gar nicht in Worte fassen.

Teresa Christensen

„Das löst ein ganz besonderes Gefühl in mir aus. Das kann ich gar nicht in Worte fassen“, führt allein schon der Gedanke daran zu einem Strahlen in ihren Augen.

Und wenn sich die Familie Heiligabend mit der 25-jährigen Tochter Helena aus Odense zum Feiern an den Esstisch setzt, wird wie immer ein zusätzliches Gedeck aufgelegt – falls ein unerwarteter Gast kommen sollte.

Teresa mit einem alten Fotoalbum
Teresa mit dem Bild von ihrer Kommunion Foto: Privat
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Helge Poulsen
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