Leitartikel

„Privatschulen nicht als Problem betrachten, sondern als Ansporn“

Privatschulen nicht als Problem betrachten, sondern als Ansporn

Privatschulen: Nicht Problem, sondern Ansporn

Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:

Diesen Artikel vorlesen lassen.

Gesellschaftsspalter oder Zuflucht für Ambitionierte? Der Streit um Privatschulen in Dänemark ist auch von Ideologien geprägt. Dabei herrscht in Dänemark nun mal freie Schulwahl. Wer will, dass Eltern sich für öffentliche Schulen entscheiden, sollte Argumente liefern, meint Cornelius von Tiedemann – zum Beispiel massive Investitionen.

Es ist ein wenig wie die Frage nach der Henne und dem Ei. Was war zuerst da: die Nachfrage nach Privat- und Freischulen – oder der Imageverlust der öffentlichen Schulen in Dänemark?

Nun, die Geschichte der freien Schulen in Dänemark ist lang – und unterscheidet sich von der in anderen Ländern. Zum Beispiel dürfen sie keinen Profit ausschütten.

Für das den Gewerkschaften nahestehende Forschungsinstitut „Arbejderbevægelsens Erhvervsråd“ ist dennoch klar: Die Privatschulen sorgen mittlerweile dafür, dass sich die dänische Gesellschaft immer weiter spaltet – und das inzwischen schon im Schulkinder-Alter.

Die Denkfabrik hat nachgezählt und schreibt am Montag, dass nun schon in 40 der 98 Kommunen des Landes mindestens 20 Prozent der Erstklässlerinnen und Erstklässler auf Frei- und Privatschulen gehen. Vor 13 Jahren sei dies erst in 10 Kommunen der Fall gewesen.

Eine erstaunliche Entwicklung. Die aber naturgemäß nicht alleine damit zu begründen ist, dass die Eltern in Dänemark ihre Kinder allesamt auf Eliteschulen schicken wollen.

Hier in Nordschleswig werden zum Beispiel auch die Schulen der deutschen Minderheit zu den Frei- und Privatschulen gezählt. Mit dem Anspruch und der politischen Zusicherung, als quasi-öffentliche Schulen der Minderheit zu funktionieren, stellen sie einen Sonderfall dar.

Vielerorts ist es derweil schlicht häufig zu umständlich, eine öffentliche Schule zu erreichen, weil diese sich aus kleinen Ortschaften zurückgezogen haben. Im kleinen Dänemark haben seit 2007 rund 330 Volksschulen geschlossen.

Doch wahr ist auch: Es sind in hohem Grad Kinder aus der obersten Mittelschicht und der Oberschicht, die ihre Kinder in Frei- und Privatschulen schicken. Und das gilt nicht nur für die Städte – sondern auch hier bei uns im ländlichen Raum.

Und wir wissen, dass Kinder aus einkommensschwachen Haushalten bessere schulische Ergebnisse erzielen, wenn sie mit Kindern aus wohlhabenderen und „bildungsnahen“ Häusern zusammen lernen können.

Andersherum argumentieren Eltern aus solchen Haushalten oft, wenngleich meist hinter vorgehaltener Hand, dass sie nicht möchten, dass ausgerechnet ihre Kinder dafür zuständig sein sollen.

Die Folgen: Die Jugend ist nicht mehr so durchmischt, wie sie es einmal war. Es wird seltener, dass sich Kinder aus ganz unterschiedlichen familiären Hintergründen begegnen und die Lebenswirklichkeit der anderen kennenlernen.

Oft wird dabei vergessen, dass es nicht nur den Kindern aus „bildungsfernen“ Haushalten hilft, Kontakt zu Kindern aus anderen gesellschaftlichen Umfeldern zu haben. Kinder, deren Eltern wohlhabend sind und / oder akademische Bildung genossen haben, erwerben so zwangsläufig soziale Kompetenzen – und lernen über das reine Fachwissen hinaus. Wer anderen hilft zu lernen, lernt selbst umso mehr.

Doch dazu muss es Rahmen geben, die leider an öffentlichen Schulen, so die Kritik, oft nicht mehr gegeben sind. Nicht nur, aber auch deshalb, weil das soziale Ungleichgewicht zunimmt. Und so werden die öffentlichen Schulen diejenigen, die sich, auch mit hohem finanziellen Aufwand, um alle kümmern, auch um die, die sonderpädagogischen Bedarf haben.

Politisch wird das gerne benutzt, um die vermeintlichen Gegensätze in Gesellschaft und Politik zu betonen. Dabei eint doch alle Seiten der Wunsch, den eigenen Kindern die bestmögliche Bildung zu ermöglichen.

Die einfachste Lösung wäre es wohl, noch massiver in das öffentliche Bildungssystem zu investieren, den Lehrberuf attraktiv zu machen und der Konkurrenz der Privatschulen mit Qualität und Optimismus entgegenzusehen – anstatt sie als Bedrohung wahrzunehmen.

Um wenig originell zu schließen, aber immerhin im Bild zu bleiben: Es ist doch ganz egal, ob Henne oder Ei zuerst da waren – wichtig ist letztlich nur, dass wir als Gesellschaft so viel wie möglich geben, damit es unseren Küken an nichts mangelt.

Mehr lesen