Diese Wochen in Kopenhagen

„Burn after reading“

Burn after reading

Burn after reading

Kopenhagen
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Der Andrang bei der Pressekonferenz am Mittwochabend war groß. Foto: Mads Claus Rasmussen/Ritzau Scanpix

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Warum Walter Turnowsky sich an einen Film der Coen-Brüder erinnert fühlt, was er über den Umgang mit SMS-Nachrichten gelernt hat und warum er trotzdem aus dem Wundern nicht herauskommt – das erfährst du alles in der Kolumne dieser Woche.

Zur Einleitung eine dringliche Frage: Hast du heute schon SMS-Nachrichten gelöscht? Wie wir in den vergangenen Tagen gelernt haben, soll man das aus Sicherheitsgründen regelmäßig machen.

Wer weiß, was sonst passiert, sollte man sein Handy an einem festlichen Abend in der Kneipe rumliegen lassen – oder wenn es gar von einem gemeinen Taschendieb entwendet wird? Kneipenbesucher – und vor allem gemeine Taschendiebe – sind nämlich dafür berüchtigt, dass sie mit Vorliebe in Handys fremder Menschen rumschnüffeln.

Verschlüsseln – oder bleiben lassen

Also die SMS, in der man den Treffpunkt mit Freunden verabredet hat: löschen. Und nicht erst in 30 Tagen, sondern sofort, unverzüglich. Die Nachricht, man solle bitte beim Einkaufen auch noch Skyr mitnehmen, und zwar das laktosefreie, weg mit ihr. Den Bescheid von der Liebhaberin oder dem Liebhaber, den vor allem!

So geht's: Handy auf automatisches Löschen von SMS einstellen. Foto: Mads Claus Rasmussen/Ritzau Scanpix

Wobei, und gestatte mir bitte diesen kleinen Exkurs, man letzteren als klassifiziertes Material betrachten sollte. Ähnlich einer Staatsministerin, die mit fremden Mächten kommuniziert, sollte man diese Kommunikation verschlüsseln, und zwar nicht nur mit Enigma, sondern mindestens mit einer 128-Bit-Kryptierung.

Noch sicherer ist es selbstverständlich, den Seitensprung gar nicht erst einzuleiten, denn wo es nichts zu verbergen gibt, können auch keine belastenden Nachrichten auftauchen.

Verdutzter CIA

Doch zurück zum Thema: Auch die Lactose-Intoleranz deines Partners geht möglicherweise andere nichts an, also im übertragenen Sinn: burn after reading, wie der Titel einer schwarzen Komödie der Coen-Brüder lautet.

In dem Film geraten die an und für sich unverfänglichen Memoiren eines CIA-Agenten in die falschen Hände. Diese zwielichtigen Gestalten vermuten, sie seien an brisantes Material geraten. Danach entwickelt sich die Sache immer dramatischer und verworrener, während die CIA fassungslos zuschaut und nichts versteht.

In „Burn after Reading“ geht es hoch her. Foto: Gurmit Singh/Flickr/Creative Commons

Ich stelle mir vor, dass es Mette Frederiksen und Staatssekretärin Barbara Bertelsen auch ein wenig so ergangen ist, als die jüngste Entwicklung im Mink-Fall explodierte und ihnen die SMS nur so um die Ohren flogen.

Grundbuch vergessen

Wobei, ein wenig wundert es mich schon, dass Frederiksen und ihr Team das Risiko nicht vorhergesehen haben. Ach was, das stimmt nicht, es wundert mich deutlich mehr als nur ein wenig, denn es war ein Presseauftritt der Staatsministerin selbst, der in Form von unbeantworteten Fragen den Zündstoff für die Explosion lieferte.

Dabei steht bereits auf Seite eins im Grundbuch für Spindoktorlehrlinge, dass man Fragen nicht offenlässt, und schon gar nicht das staunende Publikum mit neuen Fragen zurücklässt. Die Richtlinie ist so bündig, dass man sie sogar in eine SMS fassen könnte.

Normalerweise wird vor einem Presseauftritt eine präzise Strategie erarbeitet. Fragen, Antworten und Nachfragen werden durchgespielt, Alternativen ausgetestet.

Dabei ist überhaupt nicht auszuschließen, dass die Staatsministerin recht hat, wenn sie meint, der Inhalt der verschollenen SMS sei unverfänglich wie die Memoiren eines CIA-Agenten.

Walter Turnowsky

Eindämmung

Wie so etwas dann aussieht, konnte man schön während der Pressekonferenz am Mittwochabend verfolgen. Frederiksen folgte dem Plan, und obwohl naseweise Journalistinnen und Journalisten wieder einmal versuchten alles durcheinander zu bringen, spielte sie weitgehend die ihr im Drehbuch zugedachte Rolle. Gewiss, wir haben schon überzeugendere Auftritte seitens der Staatsministerin erlebt, doch obwohl diesmal nicht oscarreif, hat sie zunächst das Risiko von weiteren Kollateralschäden der Explosion eingedämmt.

Ganz konnte sie den Brand jedoch nicht austreten, denn, und das steht in dem bereits erwähnten Grundbuch gleich nach dem Abschnitt mit den Fragen, wenn du erst einmal die Kontrolle über einen Fall verloren hast, ist es so gut wie unmöglich, die Regie wieder an dich zu reißen.

Nicht oscarreif, hat sie bei der Pressekonferenz dennoch ihre Rolle gut gespielt: Staatsministerin Mette Frederiksen. Foto: Mads Claus Rasmussen/Ritzau Scanpix

Lehrstück, wie man es nicht macht

Und genau so ein Kontrollverlust passierte, als die Regierungschefin eine Woche vor der Pressekonferenz „TV2“ ein Interview zu den gelöschten SMS gab. Wieso ihr nicht gerade bescheidenes Team an Beraterinnen und Beratern so naheliegende Fragen wie, wann ihr Handy auf das automatische Löschen eingestellt wurde und wer ihr dazu geraten hat, nicht vorhergesehen hatten, ist mehr als schleierhaft. Aber vielleicht war ja an dem Tag nur der Lehrling im Dienst, wobei wie gesagt selbst er oder sie es hätte absehen müssen.

Noch eigenartiger ist, dass die Spincrew das Argument von den Sicherheitsgründen ins Spiel brachte, ohne anscheinend zu überlegen, dass dies nur neue Fragen aufwerfen würde. Fast hatte man den Eindruck, die Staatsministerin hätte auf dem Weg zum Interview nur das Drehbuch für den Vorspann erwischt.

Man könnte sagen, dass die Handlung ab diesem Punkt, ginge es nicht gerade um ernste Dinge, wie einen möglichen Grundgesetzbruch, der absurden Komik der Coen-Brüder fast das Wasser reichen konnte.

Verschwörung oder nicht?

Dabei ist überhaupt nicht auszuschließen, dass die Staatsministerin recht hat, wenn sie meint, der Inhalt der verschollenen SMS sei unverfänglich wie die Memoiren eines CIA-Agenten, und nur die Opposition würde in ihrer Blutgier hinter jedem verschwundenen Byte gleich eine ganze Verschwörung vermuten.

Möglich ist natürlich auch, dass Nachrichten der Kategorie Liebhaber-SMS, also mit belastendem Inhalt, auftauchen würden, sollte es der Polizei gelingen, sie wieder ans Tageslicht zu befördern. Doch wird Frederiksen wohl eher nicht geschrieben haben: „Lasst uns das Gesetz brechen.“ Trotzdem können natürlich Dinge drinnen stehen, die dem schönen Film von der verantwortungsvollen und entscheidungsfreudigen Staatsministerin ein zumindest offenes Ende bescheren würden.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass wir, auch wenn die Minkkommission im April ihre Arbeit beendet hat, dieses Verwirrspiel voll und ganz durchschauen werden.

Sollte es mir wider Erwarten dennoch gelingen, das Knäuel an Fäden zu entzerren, schicke ich eine SMS, die du dann zeitnah löschen solltest: burn after reading.

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