Leitartikel

„Dänemark kann vom Brexit lernen“

Dänemark kann vom Brexit lernen

Dänemark kann vom Brexit lernen

Apenrade/Aabenraa
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Die Kopenhagener Regierung macht sich bei EU-Skeptikern und Einwanderungsfeinden europaweit beliebt. Doch ist das angesichts der Demografie eine kluge Strategie, fragt Cornelius von Tiedemann.

Dänemark gilt als Vorbild in Sachen Abgrenzung. Doch den Schritt aus der EU heraus will die Regierung dann doch nicht. Die Strategie: Dänemark soll nicht europäischer, sondern Europa dänischer werden.

In mancherlei Hinsicht ist das bereits so. Zum Beispiel wachsen die Wirtschaften in den Ländern Osteuropas, ebenso wie der Lebensstandard. Das heißt auch, dass weniger Menschen aus Osteuropa in den Westen ziehen, um hier zu Dumpinglöhnen zu arbeiten. Wir kennen das Phänomen auch in Nordschleswig aus der Baubranche, der Landwirtschaft und dem Transport, wo mittlerweile aus weiter Ferne Menschen anreisen, um sich zu verdingen.

Das Problem für das einwanderungsfeindliche Dänemark: Rekordhohe Beschäftigungszahlen sorgen in Boomzeiten wie aktuell für massiven Arbeitskräftemangel.

Die Regierung will unter anderem dadurch gegensteuern, dass junge Leute früher in Arbeit, auch in ausbildungsfremde Jobs, gedrängt werden.

Doch das kann keine nachhaltige Lösung sein. Schließlich reicht ein Blick auf die Demografie des Landes, um zu erkennen, dass die Alterspyramide in Dänemark auf dem Kopf steht – und der Trend sich verschärft.

Früher konnte sich Dänemark auf Großbritannien verlassen, wenn es darum ging, die europäischen Euphoriker in Paris und Berlin bzw. Bonn zu zügeln. Nun paktiert Dänemark mangels EU-Mitgliedschaft der Briten mit den Regierungen im Osten. Den Regierungen jener Länder übrigens, deren Bewohnerinnen und Bewohnern sie in Großbritannien (und Dänemark) gerne die Schuld zum Beispiel für Lohndumping und Arbeitslosigkeit unter der einheimischen Bevölkerung geben.

Folgt man dieser Argumentation, müsste es in Großbritannien jetzt nach dem Brexit ja prima laufen. Denn nach Arbeiterinnen und Arbeitern aus den östlichen EU-Ländern ohne britischen Pass kann man dort derzeit lange suchen.

Steigen also die Löhne für britische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, wie die Brexit-Propagandisten es behauptet hatten? Nö. Bekommen die Britinnen und Briten plötzlich Lust aufs Erntehelfen und Lkw-Fahren zu Dumpinglöhnen? Nö.

Wir sehen: Schuld an Jobmangel oder Dumpinglöhnen waren gar nicht die Menschen, die aus anderen Ländern zum Arbeiten gekommen sind. Es waren die britischen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die sich weigern, anständige Löhne zu zahlen.

Dass Boris Johnson den EU-Bürgerinnen und Bürgern nun „erlaubt“ hat, ein Drei-Monate-Visum zu bekommen, um in Großbritannien Lkw zu fahren oder bei Ernten zu helfen, ist erstens eine Bankrotterklärung der Brexit-Propagandisten und hat zweitens auch nichts genützt.

Denn, man stelle sich vor, auch Menschen aus Osteuropa haben Würde und auch sie haben andere Interessen als Geld. Auch für sie sind Pfund und Euro nur Mittel zum Zweck, ein gutes Leben zu führen. Und das beinhaltet erstaunlicherweise auch ein Zuhause, das Gefühl, gebraucht zu werden und Planungssicherheit. Die finden sie inzwischen anderswo – zum Beispiel in der (alten) Heimat.

Der britische Weg, sich aus der Gemeinschaft zu verabschieden, er führt also in eine Sackgasse. Doch ist es eine Alternative, erst Dänemark und dann Europa abzuschotten? Wohl kaum. Blicken wir nochmal auf die Alterspyramide.

Was passiert denn in einigen Jahren, wenn der Nachwuchs in Dänemark noch knapper wird?

In Schweden und Deutschland werden dann abertausende Kinder syrischer und anderer Flüchtlinge und Zuzüglerinnen ihre Ausbildungen absolviert und ihre Universitätsabschlüsse in der Tasche haben.

Werden sie dann in Dänemark das Bruttosozialprodukt steigern, die Innovation vorantreiben, die Kranken heilen, die Alten pflegen? Oder werden sie lieber in ihren europäischen Heimaten bleiben, wo sie gebraucht und geschätzt werden?

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Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
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