Interview

„Das ist wie eine vielfältige Schatzkiste, die wir hier vorfinden“

„Das ist wie eine vielfältige Schatzkiste, die wir hier vorfinden“

„Das ist wie eine vielfältige Schatzkiste“

Sörup
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Geschäftsführer und Regisseur Sönke Lassen und Mediengestalterin Eilika Jung am Schnittplatz. Foto: Lana Riedel

In kurzen, aufwendig produzierten Videoclips erzählen Menschen aus der Grenzregion ihre Geschichte. Die Produzenten sprechen im Interview über ihre persönliche Verbindung, Vertrauen und wie man Menschen zum Singen bekommt.

Das Jahr 2020 nähert sich und damit auch die Feierlichkeiten rund um die deutsch-dänische Grenzziehung von 1920. Die Filmproduktionsfirma „Forward Filmproduktion“ aus Sörup produziert aus diesem Anlass deutsch-dänische Kurzfilme, in denen Menschen aus der Grenzregion ihre Geschichten erzählen.

Doch wo findet man eigentlich diese Geschichten? Und wie bringt man Jørgen Mads Clausen, den Vorstandsvorsitzenden von Danfoss, dazu, vor der Kamera zu singen?

Wir haben die beiden Geschäftsführer von „Forward Filmproduktion“ gefragt, was hinter diesem Projekt steht und was sie persönlich damit verbinden. Thomas Dethleffsen agiert als Produzent, und Sönke Lassen führt Regie.

Im Projekt 2020 geht es um Menschen und Geschichten aus der deutsch-dänischen Grenzregion. Was ist eure Verbindung zum Thema?

SL: Wir sind in der Region aufgewachsen. Thomas ist Flensburger, ich komme aus der Region Angeln. Insofern ist die Grenze bei uns immer präsent gewesen, von klein auf an. Wir haben es miterlebt, als die Grenze mit Passkontrollen noch da war. Dann waren die Kontrollen irgendwann weg, und nun gibt es wieder halbe Kontrollen.

TD: Das ist unsere Heimat. (SL stimmt zu) Und ich glaube, das ist es, was die Grenzregion verbindet – über beide Seiten der Grenze hinaus. Heimat ist natürlich auch Nordrhein-Westfalen oder Mecklenburg für Menschen, die dort aufgewachsen sind. Aber hier, mit der Geschichte und durch das historische deutsch-dänische Hin und Her, ist die Region eben besonders. Das Jähren der Abstimmung ist der Anlass für unser Projekt, aber die Geschichten funktionieren auch ohne den Anlass und wahrscheinlich auch Jahre später noch.

Wer ist der Auftraggeber, und wie wird das Projekt finanziert?

SL: Einen Auftraggeber gibt es nicht, weil es eine Eigenproduktion ist. Wir haben uns immer mal wieder Gedanken gemacht, wie wir unsere Region filmisch vorstellen würden. Das Jubiläum ist schließlich ein super Anlass dafür, um unsere Region ein bisschen greifbarer zu machen.

TD: Wir werden ein wenig von der Filmförderung gefördert (Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, Anmerkung der Redaktion). Aber in der Produktion sind wir völlig frei, keiner bestimmt außer uns. Es gibt keinen, der einem über die Schulter guckt und sagt, wie man arbeiten soll. Es ist uns überlassen, wen wir interviewen, welche Themen wir nehmen und wie wir die Interviews führen.

Jubiläumsjahr 2020

Im Jahr 2020 wird der 100. Jahrestag der Volksabstimmung im deutsch-dänischen Grenzland und die darauffolgende friedliche Grenzziehung zelebriert.

Das ist unsere Heimat. Und ich glaube, das ist es, was die Grenzregion verbindet – über beide Seiten der Grenze hinaus.

Wie entstand die Idee? Ist das euer gemeinsames Projekt? Wo kam der erste Impuls her?

TD: Wir hatten in einem anderen Bereich schon mit dem Thema Heimat zu tun – kurze Spots mit kurzen Interviews – und das nun fortgeführt. So etwas ergibt sich in gewisser Weise.

SL: Die Idee war, die Region so authentisch wie möglich darzustellen. Wir arbeiten ja viel im Werbebereich, und das Projekt2020 sollte eben nicht als eine Art klassischer Werbespot umgesetzt werden oder mit Werbeparolen daherkommen. Wir wollen die unterschiedlichsten Menschen erzählen lassen – ihre Geschichte, oder das, was sie jeden Tag bewegt: Warum sie an der Grenze leben, warum sie pendeln oder was die Probleme mit der Grenze sind, um das Leben in der Grenzregion so authentisch wie möglich abzubilden.

TD: Das ist wie eine vielfältige Schatzkiste, die wir hier vorfinden, die wir ein bisschen öffnen und aus der wir ein paar Dinge herausholen. Bewusst ein bisschen näher am Menschen. Menschen wie du und ich, und das in einem kurzweiligen Format. So gelingt es vielleicht, die Vielfalt der Region und des Themas aufzuzeigen, sodass die Leute gerne ein bisschen mehr davon hören möchten, denn jeder der Filme ist nach etwa drei Minuten vorbei. Wir glauben, damit ganz andere Zielgruppen an das Thema heranzuführen. Wir zeigen greifbare, ganz normale Persönlichkeiten und nicht diejenigen, die sonst auch immer im Rampenlicht stehen. Ein gutes Motiv, eine gute Person und eine gute Geschichte reichen hier völlig.

Wie habt ihr die Interviewteilnehmer gefunden?

TD: „Schneeballsystem“ ist so ein negativ belastetes Wort, und doch ist es das in gewisser Weise. Je mehr man in dem Bereich arbeitet, umso mehr Personen lernt man kennen. Und je mehr Leute die Filme sehen, umso mehr wenden sich an uns. Insofern funktioniert das Auffinden von Themen schrittweise aus sich selbst heraus. Und natürlich haben wir auch viele Ideen und suchen dann Personen, die dazu passen könnten. Teilweise haben wir erst mal Vorinterviews geführt oder gefragt „Kennst du nicht noch jemanden?“. Daraus ergab sich ein Themenpool, eine Liste, auf der auch jetzt noch Personen hinzukommen. Dann führt man mal wieder ein Gespräch, stolpert über einen Artikel irgendwo – im „Nordschleswiger” zum Beispiel – und greift das auf. Es gibt genügend Möglichkeiten. Und der ein oder andere erwähnt dann im Nebensatz, „Mensch, da kenne ich auch noch so einen lustigen Kerl“.

Wie konntet ihr Jørgen Mads Clausen von Danfoss überzeugen, sich an dem Projekt zu beteiligen?

SL: Jørgen Mads Clausen ist von klein auf mit der Grenzregion verbunden. Der Ursprung liegt eigentlich bei seinen Eltern, die auch dieser Region sehr verbunden waren und sich gesagt haben, sie müssen grenzüberschreitende Projekte machen. Jørgen Mads Clausen sagte uns, dass die Region als solche viel stärker sei, wenn beide Seiten eng miteinander zusammenarbeiten, man gegenseitig voneinander profitiert. Und man merkt ihm an, dass er diesen Gedanken lebt. Er hatte sich für das Interview viel Zeit genommen. Ihm ist dieses Thema, dass die Leute sich besser kennenlernen und dass eine Sprachbarriere kein Hindernis darstellen solle, extrem wichtig.

TD: Ich denke, er hat das Projekt einfach schnell verstanden. Es war ihm sympathisch, und das fand er gut.

SL: Wir sind mit ihm an drei Orten gewesen, das kostet ja auch alles Zeit, eben auch seine Zeit, aber die hat er sich genommen. Dafür sind wir sehr dankbar.

Das „Projekt 2020“ ist ein freies Projekt – das bedeutet, dass es so, wie es ist, frei verfügbar und frei verwendbar ist. In Absprache mit den Produzenten sind auch Änderungen möglich. Hier geht’s zur Webseite des Projekts.

Filmproduktion Projekt 2020
Hinter den Kulissen: die Produktionsfirma erlebt die grenzüberschreitende Zusammenarbeit durchweg positiv Foto: „Forward Filmproduktion“, Pressebild

Die Filme wirken alle sehr emotional aufgearbeitet. Es fällt auf, dass im 1. und 3. Teil alle Interviewpartner mitsingen oder wenigstens mitsummen. Wie habt ihr Jørgen Mads Clausen dazu bekommen, mitzusingen?

SL: Wenn du schon ein paar Personen aufgenommen hast, dann fällt es einfach zu sagen „Alle anderen haben bereits mitgemacht“. Das war bei den ersten Interviews ein bisschen schwieriger. Da ist ganz wichtig, dass man in dem Gespräch versucht, Vertrauen aufzubauen, dass wir nicht das Gefühl geben, wir brauchen dich nur für die Kamera, sondern dass es uns ernst ist und wir das Gegenüber ernst nehmen. Das ist die Basis dafür, dass die Leute uns vertrauen und im Laufe des Gesprächs immer offener werden, sodass wir auch persönlichere Dinge erfahren. So machen wir das mit dem Gesang in der Regel erst am Ende der Interviews.

TD: Auch wenn es dann maximal eine Minute Interview im Film ist, nehmen wir uns schon mal zwei oder drei Stunden Zeit. Dann haben wir natürlich viel Material zusammen, sodass es die Überlegung gibt, das ein oder andere zusätzlich auszuwerten. Wir versuchen, die Highlights herauszufiltern, und das ist meistens nicht einfach. Von der Inhaltsdichte gibt es Talente, die in zwei Stunden die ganze Zeit alles auf den Punkt sagen, und es gibt Leute, da braucht man einfach mehr Zeit, um an den Kern ihrer Geschichte zu kommen, denn es sind (fast) alles keine Profis vor der Kamera.

SL: Es gibt Personen, von denen haben wir so viel Material, dass man daraus mehrere Filme zu unterschiedlichen Themen erstellen kann. Wir müssen uns dann manchmal für ein Thema entscheiden.

Das Grenzland verfügt über die deutsche Minderheit in Dänemark und die dänische Minderheit auf deutscher Seite. Werden die Minderheiten auch noch thematisiert?

TD: „Minderheit“ wird ein Thema sein, ja. Da stehen schon Namen auf der Liste.

SL: Wir wollen natürlich niemanden haben, der erzählt, was die dänische Minderheit ist, sondern wir suchen auch da die Geschichten.

TD: Und das Motiv. Es muss auch motivisch was hermachen, und deshalb lassen wir uns Zeit mit der Aufarbeitung.

Wo lagen oder liegen die Herausforderungen bei dem Projekt?

SL: Die erste große Herausforderung war, die ersten Personen und Themen zu finden. Und sich den Personen zu nähern, sodass sie sich vor der Kamera öffnen.

TD: Die große Herausforderung ist im Konkreten, die Nähe herzustellen, die du im Interview brauchst, um gutes Material zu bekommen. Das ist eine Kunst. Das ist das, was wir gut können und was uns auszeichnet: Nähe, Persönlichkeit und Vertrauen dem Gegenüber aufzubauen. Das zeichnet all unsere Arbeit auch im kommerziellen Bereich aus. Deswegen machen wir das Projekt, weil wir uns das zutrauen. Die zweite Herausforderung ist, in der längeren Dauer des Projekts nicht immer nur um die Grenze oder den Siedepunkt Flensburg herumzuspringen, sondern sich in der Region zu bewegen, denn die Geschichte geht ja bis runter nach Altona in Hamburg. Die Punkte sollen umfangreicher werden.

Hattet ihr bei den Dreharbeiten das Gefühl, Grenzen zu überschreiten?

SL: Nein, das hatten wir nicht. Ich hatte ein bisschen Respekt bei Silke (die Geschichte wurde noch nicht veröffentlicht). Sie muss aufgrund ihrer Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden. Früher gab es für dänische Bürger die Möglichkeit, sich in Flensburg behandeln zu lassen. Sie muss in der heutigen Zeit aber deutlich weiter fahren, nach Vejle, um ihre Behandlung zu bekommen. Insofern ist ihre Sicht auf die Grenze auf dieses bestimmte Thema bezogen kritisch. Um das Interview zu führen ist entsprechend ein bisschen Sensibilität gefordert.

TD: Und der Dreh funktionierte sehr gut, denn sie hat eine starke positive Persönlichkeit.

Im 3. Teil des Projekt 2020 kommen neben Jørgen Mads Clausen, dem ehemaligen Geschäftsführer von Danfoss, ein Rettungssanitäter der Berufsfeuerwehr Flensburg sowie ein ehemaliger Zöllner zu Wort. Am 18. Oktober wurde der 4. Teil auf der Videoplattform YouTube veröffentlicht.

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