Leitartikel

„Homeoffice: Fluch und Segen“

Homeoffice: Fluch und Segen

Homeoffice: Fluch und Segen

Apenrade/Aabenraa
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Für viele hat sich die Arbeit zu Hause als Segen erwiesen. Doch was, wenn dadurch alte Rollenmuster wiederbelebt werden? Wir müssen verhindern, dass wir mit dem Fortschritt im Arbeitsleben eine Rolle rückwärts in Sachen Gleichstellung machen, meint Cornelius von Tiedemann.

Weltweit haben Abermillionen Menschen seit Anfang vergangenen Jahres ausgiebig Bekanntschaft damit gemacht, wie es ist, zu Hause zu arbeiten. Das „Homeoffice“ wurde als in diesem Ausmaß neues Phänomen eifrig diskutiert und für revolutionär befunden.

Was viele vergessen: Die Arbeit in den eigenen vier Wänden – besonders revolutionär ist das gar nicht. In Dänemark war die Hausfrau bis in die 1960er Jahre der am häufigsten ausgeübte Beruf. In anderen Ländern in Europa, auch in Deutschland, ist es noch immer gar nicht ungewöhnlich, dass Menschen, meist Frauen, ausschließlich zu Hause arbeiten.

Was die traditionelle Hausfrau und den Hausmann (1970 waren davon in Dänemark 229 registriert) von der modernen Homeoffice-Angestellten unterscheidet, ist freilich, dass ihr Verantwortungsbereich sich in den häufigsten Fällen fast ausschließlich auf das Private beschränkt. Zwar gab es nicht selten zahlreiche soziale Kontakte, aber dennoch ist immer wieder auch von „Befreiung“ die Rede, wenn wir darüber reden, wie Frauen seit den 1960er Jahren auf den Arbeitsmarkt strömten und ihnen nach und nach immer mehr Rechte bis zur, zumindest theoretischen, völligen Gleichstellung zugesprochen wurden.

Befreit waren die Frauen natürlich zuvorderst von der zutiefst ungerechten Abhängigkeit von Männern. Aber damit eben auch von den Fesseln, die die Hausfrau privat wie beruflich an das Haus, an das Häusliche banden.

Nach schier endlosem Kampf über viele Generationen öffnete sich ihnen die Welt. In vielen Bereichen nur zögerlich, und bis heute verteidigen viele Männer krampfhaft ihre unverdiente Vormacht, die sie der Tradition, nicht aber der Vernunft verdanken, wo sie nur können.

Aus Untersuchungen wissen wir zum Beispiel, dass auch im modernen Dänemark die Frauen nicht nur deutlich weniger Lohn für gleiche Arbeit bekommen, sondern zugleich auch deutlich mehr im Haushalt tun als die Männer.

Leider scheint sich dieses Muster auch während der Homeoffice-Zeit fortzusetzen. Auch Männer haben, und hier müssen wir uns auf internationale Studien berufen, sich im Lockdown mehr um die (Schul-)Kinder zu Hause gekümmert – aber die noch größere Last haben wieder einmal die Frauen auf sich genommen.

Immerhin: Vielleicht steigt durch die gemachten Erfahrungen nun endlich der Anteil der Männer in Dänemark, der sich in der Elternzeit um das Kind kümmert – weil die Väter merken, dass sie im Büro gar nicht unverzichtbar sind. Weil es auch geht, wenn sie mal nicht da sind. Weil das Leben mehr zu bieten hat.

Doch ohne nach mehr Vorschriften zu rufen: Jetzt, wo abzusehen ist, dass das Homeoffice gekommen ist, um zu bleiben, wären Politik und Arbeitgebende gut beraten, Rahmen zu setzen, Leitlinien und Anreize dafür zu schaffen, dass der Homeoffice-Boom uns auch nicht nur im Ansatz wieder dahin zurückbringt, wovon wir uns schon längst verabschiedet haben.

Es darf nicht sein, dass Frauen weniger von der neuen beruflichen Freiheit profitieren als Männer – oder dass sie ihnen gar zum Nachteil gereicht.

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