Klimaschutz

Klimafarmer wollen Moorschutz und Landwirtschaft in Einklang bringen

Klimafarmer wollen Moorschutz und Landwirtschaft in Einklang bringen

Klimafarmer wollen CO₂ in Mooren binden

Kay Müller/shz.de
Erfde
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Bauen einen Milchviehbetrieb zur Klimafarm um: Elena Zydek und Mathes Holling. Foto: Marcus Dewanger/shz.de

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In den kommenden zehn Jahren soll auf der einzigen Klimafarm in Schleswig-Holstein für 15 Millionen Euro Fördergeld eine Lösung gefunden werden, wie CO₂ in Mooren gebunden – und die Fläche trotzdem noch landwirtschaftlich genutzt werden kann. Ein Ortsbesuch.

Die ersten Ballen sind schon da. Am Eingang zum ehemaligen Kuhstall hat Mathes Holling seine erste Ernte als Betriebsleiter der Klimafarm in Erfde (Kreis Schleswig-Flensburg) aufgestellt. Doch was auf den ersten Blick unscheinbar aussieht, soll eines Tages nicht mehr und nicht weniger als Landwirtschaft und Klimaschutz in Einklang bringen. Denn Holling hat das Heu auf einer Moorfläche der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein geerntet. Und durch deren Wiedervernässung wird jede Menge CO2 gebunden. „Das Neue ist, dass wir das Mahdgut so vermarkten wollen, dass wir am Ende eine positive Klimabilanz haben“, sagt Holling. „Und zwar so, dass die Landwirte, die es genauso machen, am Ende sogar mehr auf den Flächen verdienen als mit der jetzigen Bewirtschaftung“, ergänzt Projetleiterin Elena Zydek.

In einem bundesweit einzigartigen Projekt wollen sie und ihre Kollegen in den nächsten zehn Jahren zeigen, dass sich mit der Bewirtschaftung von wiedervernässten Moorflächen Geld verdienen – und trotzdem CO2 einsparen lässt. „Bislang hat das noch niemand in einer so langen Zeitreihe gemacht“, sagt Zydek, die froh ist, dass Wissenschaftler der Uni Kiel mit im Boot sind, um die Klimabilanz des Projektes zu messen.

Viel Geld für ein Forschungsprokekt

Das Projekt hat ein Gesamtvolumen von 15,5 Millionen Euro und läuft bis 2031. Das Bundesumweltministerium fördert das Vorhaben mit rund 12,4 Millionen Euro, den Rest trägt die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Das ist viel Geld für ein Forschungsprojekt. „Das ist sogar sehr viel Geld, und deswegen haben wir auch eine große Verantwortung“, sagt Zydek. Denn es gehe ja auch darum, etwas Sinnvolles mit dem Steuergeld zu machen. „Wir müssen liefern.“

In den kommenden Monaten werden die ersten Flächen vernässt, die schon länger im Besitz der Stiftung sind. Parallel dazu wird die Klimafarm aufgebaut, die sich in einem alten Milchviehbetrieb befindet. Jetzt haben Zydek, Holling und die anderen Mitarbeiter mit der praktischen Forschung begonnen.

In der Eider-Treene-Sorge-Niederung kämpfen die Landwirte seit Jahrhunderten gegen das Wasser an. „Früher haben Bauern die Felder mühsam entwässert, um sie bestellen zu können“, sagt Zydek. Doch durch den Klimawandel und immer mehr Starkregen und längere Dürreperioden wird ertragreiche Landwirtschaft nicht nur dort immer unkalkulierbarer. „Trotzdem ist das natürlich für manche Bauern schon ein komisches Gefühl, wenn wir jetzt kommen und eine Rolle rückwärts machen, indem wir die Flächen wieder anstauen.“

Dialog mit den Menschen in der Region

Deshalb suchen Zydek und ihre Kollegen den Dialog. Sie laden die Bewohner in der Region auf die Klimafarm ein, klären über ihre Arbeit auf, versuchen deutlich zu machen, dass auch konventionelle Landwirtschaft neben den Flächen der Klimafarm möglich ist und dass eine Vergrößerung der Artenvielfalt auf den Moorflächen auch den Bauern in der Umgebung nützen kann.

Vor allem geht es aber darum, einen Weg zu finden, wie man das wirtschaftlich bislang kaum nutzbare Mahdgut sinnvoll vermarkten kann. „Wir wollen das nicht energetisch, sondern nachhaltig nutzen“, sagt Holling. Schon gibt es Ideen, daraus Graspapier oder Kartons herzustellen aber auch Dämmmaterial. „Ich fühle mich manchmal schon wie eine Art Daniel Düsentrieb“, sagt der Betriebsleiter. Denn er muss dafür sorgen, dass das Heu möglichst trocken wird, aber eben nicht durch den Einsatz konventioneller Energie, sondern beispielswiese durch Abwärme aus Biogasanlagen. Zudem gebe es Versuche, das Heu zu Pellets zu verarbeiten, um es besser transportieren und weiterverarbeiten zu können.

„Es gibt verschiedene interessante Möglichkeiten“, sagt Zydek. Einige Unternehmen hätten schon Interesse gezeigt, auch aus anderen Bundesländern. Allerdings sollen die Produkte in der Region bleiben, weil sonst die Klimabilanz nicht wirklich Sinn mache. „In eineinhalb Jahren wollen wir aber schon etwas haben, das wir präsentieren können“, sagt Holling.

„Wir denken allerdings lieber einmal mehr nach als einfach etwas auszuprobieren, was dann am Ende keiner haben will“, sagt Arndt Behrendt, der die Öffentlichkeitsarbeit organisiert. Das gelte auch für das Mähen selbst. Die Klimafarmer haben verschiedene Maschinen ausprobiert, die wenig Druck auf den Boden ausüben – etwa eine umgerüstete Pistenraupe aus den Alpen. „Das klappt schon sehr gut“, sagt Holling.

Die neuen Techniken will er aber noch verfeinern, so dass sie auch in anderen Regionen eingesetzt werden können. Und die Klimafarm will auch ein nachhaltiger Lernort werden. Im ehemaligen Kuhstall sollen nach dem Umbau Veranstaltungen stattfinden, es gibt Führungen und Schulklassen können sie über das Projekt informieren, bei dem ja eigentlich nur Heu auf einer schwer zu bestellenden Fläche gemäht und dann weiter verarbeitet wird.

Niedermoore müssen nach Vernässung gepflegt werden

Allerdings müsse das Moor ohnehin nach der Vernässung regelmäßig gemäht werden, sagt Zydek. Denn sonst kehrten nicht die Niedermoor-typischen Arten zurück. „Und dann können wir es auch gleich richtig gut machen“, sagt die Projektleiterin, die selbst von einem Milchviehbetrieb kommt. Und eines sei auch klar, sagt Holling mit Blick auf die ersten beiden Heuballen: „Wenn es uns gelingt zu zeigen, dass man auf Moorflächen das Klima schützen und trotzdem Geld mit landwirtschaftlichen Produkten verdienen kann, dann werden das viele machen.“ Und: „Es gibt ein Riesenpotenzial an Flächen, auf denen das möglich ist.“

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